Garri Kasparow

6. März 2007, 14:07
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Schachlegende Garri Kasparow führt Russlands liberale Opposition an: Sieggewohnt in aussichtsloser Partie

Kämpfer seines Formates sind offenbar vom Erfolg verwöhnt. Vor allem denken sie nicht in kleinen Dimensionen. "Kasparow gegen die Welt" wurde vor sieben Jahren ein spektakuläres Ereignis genannt: Der damals noch aktive Schachweltmeister spielte vier Monate lang gegen ein Welt-Team - und gewann im 62. Zug.

Heute, ein Jahr, nachdem er die einzigartige Schachkarriere beendet hat, ist sein Gegner größer denn je: der Kreml, Russlands undurchsichtige Machtzentrale. Russland sei noch keine Diktatur, sagte Garri Kasparow jüngst, aber ein autoritärer Polizeistaat. Schon im Vorjahr nutzte der polyglotte Kasparow seine Bekanntheit, um sich als Kreml-Gegner zu positionieren. Gemeinsam mit anderen gründete der heute 43-Jährige das Komitee "Russland 2008". Das Jahr gilt als schicksalsträchtig: Präsident Wladimir Putins zweite Amtszeit läuft ab.

Kasparow zu Putins Konkurrenten hochzustilisieren, würde von fundamentaler Verkennung der Situation zeugen. Denn selbst wenn ihn die Staatsmedien ins Bild rückten, könnte Kasparow mit den in Russland verpönten liberalen Ideen nur begrenzt punkten. Und Menschen mit jüdischer Herkunft bleibt in dem Land mit seinen starken antisemitischen Strömungen die Staatsführung bis auf Weiteres verwehrt.

Kasparow hat den Anspruch auch nie groß hinausposaunt, lediglich Putins Rücktritt, echte Demokratie, Marktwirtschaft und Russlands Ausschluss aus der G8-Gruppe verlangt. Trotz vernichtender Umfragen führt der geschiedene Vater einer 13-jährigen Tochter, der neben der russischen auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, seinen Kampf unermüdlich fort. Er hat das Oppositionsbündnis "Vereinigte Bürgerfront" und das Oppositionsprojekt "Das andere Russland" gegründet und soeben den Moskauer Protestmarsch der Dissidenten organisiert.

Schon zur Sowjetzeit war er unerschrocken und suchte im Unterschied zu seinem großen Konkurrenten Anatoli Karpow keine Nähe zu den Machthabern. Als Garik Weinstein 1963 in die Familie eines deutsch-jüdischen Vaters und einer Armenierin im aserbaidschanischen Baku geboren, errang er mit 16 den Titel eines Internationalen Meisters und gewann Goldmedaillen bei Schach-Olympiaden.

Erst 22 Jahre alt war er, als er als jüngster Schachweltmeister Karpow entthronte. Über zwei Jahrzehnte sollte er die Weltrangliste anführen. Auch von keinem Schachcomputer würde er jemals geschlagen werden, meinte er in den 1980er-Jahren. Gegen "Deep Blue" fuhr er 1997 dann doch eine Niederlage ein, 2003 ein Unentschieden gegen "Deep Junior". Aggressiv habe er immer gespielt, und risikoreich, heißt es. Bezeichnend die Titel seiner Bücher: "Ich setze auf Sieg", "Ich gewinne immer", und: "Politische Partie". (Eduard Steiner/DER STANDARD-Printausgabe, 18.12.2006)

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