"Dürre ist das schwierigste Risiko"

11. Jänner 2007, 19:53
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Nichts ist von Wetter­kapriolen mehr betroffen als die Landwirtschaft. Das Versicherungsrisiko wird immer schwieriger zu kalkulieren, sagt Kurt Weinberger im STANDARD-Interview

STANDARD: Die Erderwärmung und damit eine Zunahme von Naturkatastrophen scheint eine Tatsache. Wie geht die Versicherungsbranche damit um?

Weinberger: Das Versicherungsgeschäft wird immer schwieriger. Die Zunahme der globalen Temperaturen führt dazu, dass Naturschäden ganz massiv steigen. Insgesamt belegen die Aufzeichnungen der weltweit führenden Rückversicherer, dass in den letzten 50 Jahren die Anzahl der Schadensmeldungen um das Dreifache gestiegen ist. Die wirtschaftlichen Schäden haben sich verachtfacht. Und die Versicherungsschäden sind um das 26fache gestiegen. Das trifft die Landwirtschaft natürlich ganz unmittelbar, und zwar wie keine andere Branche in der Volkswirtschaft.

STANDARD: Dieser Anstieg ist auch auf eine höhere Konzentration der Werte zurückzuführen und darauf, dass immer mehr Werte versichert werden.

Weinberger: Sicherlich. Die enorme Schadenszunahme ist auch damit zum Teil erklärbar. Aber der Klimawandel erhöht die Häufigkeit von großen Schäden.

STANDARD: Was bedeutet dies für die Hagelversicherung, die der Versicherer der Landwirtschaft gegen Naturkatastrophen ist?

Weinberger: In der Landwirtschaft ist die Werkstatt unter freiem Himmel. Deshalb ist der Agrarsektor bei Naturkatastrophen besonders betroffen, kein anderer Sektor der Volkswirtschaft hat eine höhere Anfälligkeit. Wir rechnen damit, dass es in den nächsten zehn Jahren zu einer Zunahme von Wetterextremen kommen wird und damit zu einer weiteren Zunahme von Schäden. Für die Hagelversicherung bedeutet dies, dass wir weiter wachsen müssen. Wir müssen die Risikogemeinschaft verbreitern. Dies führt zu einem besseren Risikoausgleich.

STANDARD: Das heißt, auch bei einer weiteren Zunahme von Wetterkatastrophen bleibt das Risiko kalkulierbar?

Weinberger: Teils, teils. Wir haben in der Landwirtschaft eine sehr starke Versicherungsverbreitung, und das sichert natürlich ab. Bis zum Jahr 2000 hatten wir 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen gegen Hagel versichert. Heute sind es 80 Prozent. 60 Prozent der Flächen sind auch gegen andere Risiken abgesichert, also gegen Dürreschäden, Hochwasser, Überschwemmung, Frost. Aber das schwierigste Risiko überhaupt ist Dürre. Dieses Problem muss man gesondert betrachten.

STANDARD: Warum Dürre?

Weinberger: Bei Dürre handelt es sich um ein Kumulrisiko: In sehr kurzer Zeit kann eine sehr große Fläche betroffen sein mit hohen finanziellen Schäden. Wenn das stimmt, was von der Wetterforschung prognostiziert wird, sehe ich da auch versicherungstechnisch ein Problem, weil Dürre dann in häufigerer Folge auftreten kann.

Vom Jahr 2000 bis heuer haben wir jedes Jahr, mit Ausnahme von 2004, Dürreentschädigungen leisten müssen; im Jahr 2000 beliefen sich die Gesamtschäden in der Landwirtschaft, was Dürre betrifft, auf insgesamt 50 Millionen Euro. Das sind schon Entwicklungen, wo man intensiv nachdenken muss, wie wir damit umgehen können.

STANDARD: Also Prämienerhöhungen?

Weinberger: Prämienerhöhungen werden jetzt einmal nicht angedacht. Nicht in den nächsten vier, fünf Jahren. Aber es könnte sein, dass wir in Zukunft insbesondere bei Dürreschäden den Selbstbehalt erhöhen müssen.

STANDARD: Wie versichern andere EU-Länder ihre Bauern?

Weinberger: Es gibt einen Arbeitskreis in Brüssel, dem ich angehöre und der über eine Ausweitung des Agrarversicherungsthemas in der EU nachdenkt. Bei den einzelnen Mitgliedern ist dies nämlich sehr unterschiedlich gelöst, und bei den neuen Mitgliedern gibt es meist gar nichts. Die Agrarpolitiker haben ein Interesse daran, dass es einem umfassenderen Versicherungsschutz gibt, der den Bauern im Fall der Fälle einen Ausgleich sichert. Beim Bauern geht es im Katastrophenfall nicht nur um Vermögenswerte, sondern um eine echte Existenzabsicherung. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.12.2006)

  • In den vergangenen 50 Jahren haben sich Schäden in der Landwirtschaft um das 26fache erhöht: Kurt Weinberger, oberster Hagelversicherer.
Zur Person
Der Oberösterreicher Kurt Weinberger studierte Agrarökonomik und Rechtswissenschaften und ist seit 1993 in der Versicherungswirtschaft tätig; seit April 2000 als Generaldirektor der Österreichischen Hagelversicherung, die als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit von der Versicherungswirtschaft gegründet wurde.
    foto: standard/robert newald

    In den vergangenen 50 Jahren haben sich Schäden in der Landwirtschaft um das 26fache erhöht: Kurt Weinberger, oberster Hagelversicherer.

    Zur Person
    Der Oberösterreicher Kurt Weinberger studierte Agrarökonomik und Rechtswissenschaften und ist seit 1993 in der Versicherungswirtschaft tätig; seit April 2000 als Generaldirektor der Österreichischen Hagelversicherung, die als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit von der Versicherungswirtschaft gegründet wurde.

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