"Zorro war vielleicht auch ein Jude"

17. Jänner 2007, 14:58
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Ruth Beckermann im STANDARD-Interview über ihren neuen Film "Zorros Bar Mizwa", jüdisches Selbstverständnis, filmische Positionen und Borat

STANDARD: Ihr Film erzählt in erster Linie von jüdischem Alltag in der Gegenwart. Welches Selbstverständnis kommt über Bar Mizwas zum Ausdruck?

Beckermann: Für die zweite Generation nach der Shoah war jüdische Identität geprägt durch die Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft. Dazu kam der Zionismus, die Möglichkeit in Israel zu leben: Die meisten Juden sahen Wien als Übergangsstation - und sind auf gepackten Koffern sitzen geblieben. Die jetzt hier Lebenden haben die Koffer ausgepackt. Es gibt eine blühende Gemeinde, damit wird auch Tradition mehr gepflegt - Bar Mizwas sind ein Teil davon. Man kann eine positive Identität nicht auf Auschwitz gründen. Man kann auf Auschwitz gar nichts gründen. Es ist heute auch nicht mehr leicht, ungebrochen zionistisch zu sein.

STANDARD: Bar Mizwas sind also ein wichtiger Teil der Konstruktion von jüdischem Leben?

Beckermann: Ja, man muss Judentum mit neuen Inhalten füllen. Das heißt, dass man die alten Inhalte modernisiert. Das macht jede Religion, die erfolgreich ist. Im Unterschied zum Islam ist das Judentum ja eine Diaspora-Religion und hat sich verschiedenen Herrschern angepasst, während es für den Islam eine neue Situation ist, dass Millionen Menschen unter nicht islamischer Herrschaft leben. Dadurch hat das Judentum sich mit der Auseinandersetzung mit der Moderne leichter getan.

STANDARD: Der Film zeigt, wie offen man für zeitgenössische Einflüsse ist - Zorro ist ja eigentlich der Held eines Dreigroschenromans.

Beckermann: Ja, es fließt viel Jugendkultur in die Bar Mizwa ein. Ich kann das auch nicht recht erklären. Die Bar Mizwa ist ja dreigeteilt: Es gibt die Vorbereitung, das religiöse Ritual und das Familienfest, bei Letzterem kann man sich austoben. Der Copyright-Inhaber des Zorro-Titels hat ja zum Film gerne zugestimmt, weil er sicher ist, dass Zorro Jude war. Weil erstens verbirgt er seine Identität, zweitens ist das Cape ähnlich wie der Gebetsschal, drittens geht er am Freitagabend in den Keller, um Kerzen zu anzuzünden, und viertens möchte er die Welt retten.

STANDARD: Mit André Wanne, der die Bar-Mizwa-Clips anfertigt, gibt es auch einen Filmemacher im Film. Wo liegen die Unterschiede zu Ihrem Blick?

Beckermann: Wenn man das in Messeinheiten angeben will, würde ich sagen, er ist zehn Zentimeter von den Menschen entfernt, und ich doch zwei Meter. Sein Blick ist fast der ihre, so als wäre einer der Familie. André war für mich sehr wichtig als Verbindungsglied zwischen den Familien. Eine solche Geschichte zu konstruieren ist ja eigentlich sehr schwer - einerseits gleicht es einem TV-Dispositiv, einer Soap, oder es gibt Verbindungen, die man eher aus dem Spielfilm kennt. Ich hatte eine Inszenierung im Sinn, die eher aus dem Spielfilm kommt.

STANDARD: Inwiefern?

Beckermann: Ich konstruiere Beziehungen zwischen Menschen in diesem Film. Es beginnt ja schon beim Casten. Natürlich wollte ich vier unterschiedliche Familien finden, und bei der Montage geht es darum, sie pointiert zusammenzusetzen. Da gab es etwa die Schwierigkeit, die gleiche Geschichte viermal zu erzählen, ohne sich zu wiederholen. Ich habe versucht, die Essenz herauszuarbeiten.

STANDARD: Wie wichtig ist es dabei, dass Sie selbst Jüdin sind?

Beckermann: Es macht einen Unterschied, weil ich keine Scheu vor den Leuten habe. Ich fühle mich relativ sicher. Es stört mich nicht, wenn ich einen Fauxpas begehen würde. Ich würde auch über andere Kulturen keinen Film machen, ohne meine Position gefunden zu haben. Eigentlich kommt es ja bei jedem Film darauf an, wo man selbst steht. Meistens sind die Leute ja so dazwischen, voller Hemmungen, und das ergibt dann diese faden Filme.

STANDARD: Wählen Sie lieber eine sichere Position?

Beckermann: Das kann ich nicht sagen. Ich fand meine Position in Jenseits des Krieges sehr interessant. Ich habe jedem dieser Soldaten gesagt, dass es mir nicht um Kriegserlebnisse geht. Die Position der Naiven wäre die komödiantische Position: wie Borat in Amerika. Das ist eine Haltung, die mir sehr gefällt, dieser jüdisch-britisch-pubertäre Humor, der alles unterwandert. Das hat zu einem befreienden Lachen geführt. Ich kann mir durchaus vorstellen, nach Ghana zu fahren und dort klar zu machen: Ich bin eine blöde Weiße, die keine Ahnung hat.

STANDARD: Apropos Borat: Wie halten Sie es mit dem offensiven Umgang mit antisemitischen Klischees?

Beckermann: Man muss schon sagen, dass Juden durch all das Schreckliche, das ihnen widerfahren ist, ihren Humor einigermaßen verloren haben. Ich meine, es ist Zeit, diesen jüdischen Humor wieder zurückzuerobern. Borat weckt antisemitische Vorurteile? Na und? Die sind doch sowieso da. Und ob ich jetzt reiche Juden zeige oder ganz arme: Das Vorurteil kann sich in alle Richtungen anpassen.

Derzeit im Kino

Das Gespräch führte Dominik Kamalzadeh.

Zur Person
Ruth Beckermann, 1952 in Wien geboren, ist eine der profiliertesten heimischen Dokumentaristinnen. In Filmen wie Die papierene Brücke, Nach Jerusalem oder homemad(e) beschäftigte sie sich mit der Geschichte des Judentums. Jenseits des Krieges widmete sich 1996 den Kontroversen rund um die Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht
  • Als Zorro in
eine neue
Lebensphase
tanzen:
Sharon, einer
der vier
Protagonisten
aus "Zorros
Bar Mizwa"
    foto: filmladen
    Als Zorro in eine neue Lebensphase tanzen: Sharon, einer der vier Protagonisten aus "Zorros Bar Mizwa"
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