Ein kleiner Exkurs über Raumgrößen, Proportionen und deren Wichtigkeit zu Weihnachten - Von Christine Diethör
Raum zu haben ist etwas Kostbares. Große Häuser und feudale Wohnungen sind nicht umsonst ein Statussymbol ersten Ranges. Das führt dazu, dass viele Menschen meinen, mit den zur Verfügung stehenden Quadratmetern stiege gewiss auch die Qualität der Wohnung, des Hauses. Obwohl diese Meinung weit verbreitet ist, wird sie dadurch nicht unbedingt richtiger.
Raum mag zwar Luxus sein, doch erst die stimmige Raumproportion macht die Qualität eines Raumes aus. Wer schon einmal in einem schlecht geschnittenen Zimmer gestanden hat, der hat es am eigenen Leib erlebt: Das Zimmer ist verwinkelt, sodass man keine Möbel aufstellen kann. Es ist schlecht belichtet, sodass finstere Ecken entstehen. Und es ist dermaßen schlecht proportioniert, dass man trotz der vielen Quadratmeter keine Großzügigkeit verspürt.
Die simple Gleichung "Je größer, umso besser" führt also zu einem falschen Ergebnis. Vielmehr müsste die Formel lauten: Je besser das Verhältnis von Raumgröße zu Raumhöhe, je angemessener das Verhältnis zu Raumfunktion und Nutzung, desto besser die Wohnqualität.
Doch die Frage der Quantität ist nicht nur eine Frage der Gestaltung, sondern auch der Ökonomie und Nachhaltigkeit. Jeder Quadratmeter, der nicht wirklich notwendig ist, kostet unnötig Geld und verschlingt Ressourcen an Material und Freiraum. Bleibt also noch zu definieren, was notwendig ist. Heruntergebrochen auf die reine Funktionalität von Räumen kommt der Mensch mit sehr geringer Fläche aus. Zu beachten sind dabei jedoch die richtigen Raumproportionen für ein angenehmes Raumgefühl, die richtige Belichtung und Beleuchtung, um Räume gemütlich wirken zu lassen, sowie genügend Ausblicke nach außen und Einblicke nach innen - die so genannte Transparenz von Räumen. Vor allem aber braucht es die vielen "unnötigen" Dinge: Manche Flächen und Kubaturen bleiben frei und ungenutzt und dienen vordergründig als Metapher für die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet und die noch nicht ausgelotet sind. Also doch Luxusgut Raum?
Und schon sind wir bei der Flächenreserve im Wohnraum angelangt. Sie sollte bei jeder Planung berücksichtigt werden. Dieser bescheidene Luxus an ungenutzter Leerfläche eignet sich zu Weihnachten hervorragend. Wo sonst soll der Christbaum stehen? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.12.2006)