Immer mehr Flüchtlinge auf den Kanarischen Insel kommen aus Westsahara
Die Flüchtlingstragödie auf den Kanarischen Inseln hat einen neuen Aspekt dazubekommen: Immer wieder kommen Boote aus der Westsahara an. Die meist jungen Insassen schwenken Fahnen der Befreiungsbewegung Polisario, die für die Unabhängigkeit der seit den 70er-Jahren von Marokko besetzten früheren spanischen Kolonie eintritt.
Diese Menschen fliehen vor der Repression in ihrer Heimat. Mehr als 200 Saharauis haben die Küsten der Atlantikinseln erreicht. Kaum an Land, beantragten sie Asyl. Sie gehören zu jenen, die seit Mai 2005 in der Region zwischen Marokko und Mauretanien immer wieder friedlich für die Unabhängigkeit auf die Straße gehen. Marokkos Gendarmerie reagiert mit aller Härte auf diese "saharauische Intifada".
Minderjährige in Haft
"Die Bevölkerung in der Westsahara lebt unter einer Atmosphäre des Terrors. Hunderte Aktivisten wurden verhaftet, unter ihnen viele Minderjährige", erklärt der Sprecher der spanischen Menschenrechtsliga, Francisco José Alonso, warum junge Saharauis die gefährliche Fahrt über den Atlantik antreten.
Erst vor Kurzem wanderten wieder zehn Aktivisten hinter Gitter. Alonso wirft der marokkanischen Regierung vor, die Flucht der Saharauis zu begünstigen, um sich unbequemer Gegner zu entledigen. Wenn schwarzafrikanische Flüchtlinge versuchen, in Richtung Kanaren abzulegen, unterbindet dies die Gendarmerie. Handelt es sich um saharauische Flüchtlinge, schauen die Behörden weg. "Sie werden regelrecht ermutigt zu gehen", sagt Alonso. Seit dem Sommer sind mindestens 90 Saharauis im Atlantik ums Leben gekommen.
"Ethnische Säuberung"
Mohamed Abdelaziz, Präsident der saharauischen Exilregierung spricht in einem Hilferuf an UN-Generalsekretär Kofi Annan von "ethnischer Säuberung". Die Gendarmerie schreckt vor nichts zurück, wenn es darum geht, die Intifada der Saharauis zu unterdrücken. Verhaftete werden gefoltert, Frauen vergewaltigt. In einem Fall wurde ein Demonstrant sogar mit Benzin übergossen und angesteckt. Er erlitt schwere Verbrennungen.
"Die Menschen in der besetzten Westsahara sind eingeschlossen, die internationale Gemeinschaft hat keinen Zutritt", beschwert sich die saharauische Menschenrechtsaktivistin Aminetu Haidar, die selbst mehrmals in Haft saß und gefoltert wurde, bis sie nach internationalen Protesten nach Spanien ausreisen durfte.
Der marokkanische König Mohamed VI. unternimmt alles, um die Umsetzung des UN-Friedensplans, der eine Volksabstimmung über die Zukunft der Westsahara vorsieht, zu verhindern. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Gegen den Willen der Saharaudis und den der UNO will Mohamed VI. für die Region eine Autonomie innerhalb Marokkos durchsetzen. (Reiner Wandler aus Madrid/DER STANDARD,Printausgabe, 16.12.2006)