"Champagner gegen Armut widerstrebt mir"

2. Jänner 2007, 09:40
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Thomas Rottenberg im Gespräch mit dem Wiener Caritas-Direktor Michael Landau über Charity als ständige Gratwanderung

"Helfen ist eine Wissenschaft", sagt Wiens Caritas-Direktor Michael Landau. Vom Unterschied zwischen Hilfe und Eigenmarketing, "Gut" und "Gut gemeint". Über Charity als ständige Gratwanderung. Von Thomas Rottenberg




Der Standard: Was empfinden Sie bei VIP-Charity-Festen in Gesellschaftsspalten? Nehmen Sie diesen Menschen die Mission ab?
Michael Landau: Soziales Engagement ist ein wesentlicher Teil unserer Gesellschaft. Sowohl die gelebte Solidarität als auch der Einsatz dafür. Was da aber ein ganz wichtiger Punkt ist, ist die Verhältnismäßigkeit. Die muss stimmen. Wenn es darum geht, sich wechselseitig auf die Schultern zu klopfen und sich des eigenen Gutseins zu versichern, beginnt es problematisch zu werden. Die Frage lautet: Geht es um die Menschen, denen geholfen werden soll, oder hat sich der Event verselbstständigt?

Der Standard: Wie erkennt man den Punkt, an dem es problematisch wird?
Landau: Das ist sehr schwierig. Aber auf ein paar Dinge kann man hinweisen. Zum einen glaube ich, dass es nichts Schlechtes ist, wenn aus einer Partnerschaft für beide Seiten Positives erwächst. Charityveranstaltungen sind eine sehr gute Möglichkeit, für die Not anderer Menschen zu sensibilisieren. Zum anderen können Unternehmen oder engagierte Personen da einiges in Bewegung bringen. Da kommt es oft zu Partnerschaften, wo für beide Seiten etwas verändert wird. Das sehen wir auch bei Firmen, bei denen man sich das nicht vorstellen würde. Das sind Partnerschaften ganz ohne Medienbegleitung, aber mit viel persönlicher Begegnung. Das ist das, was ich unter gelungener Charity-Arbeit verstehe.

Der Standard: Das sind Positivbilder. Nur: Wie trennt man Spreu von Weizen?
Landau: Wir, als Caritas, prüfen sehr genau – weil wir Dinge, die mit unseren Standpunkten nicht vereinbar sind, nicht tun. Ich habe immer Respekt vor Menschen, die mit ehrlicher Haltung etwas für andere Menschen tun wollen. Aber Helfen ist eine Wissenschaft. Es gibt ein breites Spektrum zwischen gut gemeint und gut. Es braucht zum guten Herzen und zum guten Wollen auch Bereitschaft zur Nachdenklichkeit. Damit Dinge nicht nur gut gemeint bleiben.

Der Standard: Sie weichen immer noch aus.
Landau: Ich glaube, dass es Grenzfälle gibt – wenn es nicht um das Anliegen, sondern nur mehr um PR geht. Daher glaube ich, dass ein Kriterium die Frage nach Kontinuität ist: Helfen die langfristig, gibt es echte Partnerschaft, geht es um Hilfe auf Augenhöhe? Sind die, die helfen, bereit, sich mit der Situation auseinanderzusetzen? Ich denke da etwa an einen Besuch von Alfons Haider in der Sozialberatung: Der ist gekommen, um selbst ein Stück Wahrnehmung von der täglichen Arbeit der Caritas und der Situation der Menschen zu haben, denen wir helfen. Ohne Medien, nur mit den Menschen, um die es geht. An solchen Kleinigkeiten erkennt man, was ernsthaft und was Show ist. Aber mediale Präsenz ist wichtig: Es ist oft mit geringen Mitteln möglich, nachhaltig zu helfen. Darauf hinzuweisen, ist nie falsch. Das ist die Chance von Charity – und das ist immer wieder eine Gratwanderung. Gerade Prominente können eine wichtige Vorbildwirkung haben. Wenn Fußballer in die Gruft kommen, ist das für die Betroffenen etwas Besonderes – wenn darüber dann berichtet wird, ist das auch wichtig. Weil Menschen, die sich nicht mit solchen Dingen befassen, erfahren, dass es diese Institution gibt. Und dass ihre Hilfe gefragt ist.

Der Standard: Die Caritas ruft aber nicht die Seitenblicke an, wenn ein Fußballer in die Gruft kommt. Es wird auch kein Luxus-Buffet für Presse und ViP-Publikum aufgebaut. Kann man mit Champagner gegen die Armut antrinken? Wo vergeht Ihnen der Appetit?
Landau: Die Vorstellung, mit Champagner für die Hilfe der Armen anzustoßen, widerstrebt mir. Wenn Menschen für sich feiern und dabei wissen, dass sie auch die anderen nicht vergessen dürfen, denen es nicht so gut geht, dann ist das okay. Das ist ein möglicher Zugang. Da soll man die Feier nicht strenger bewerten, als man sie ohne den sozialen Aspekt bewerten würde. Wenn aber die Armut nur Mittel zum Zweck ist, sich selbst zu feiern, dann ist das problematisch.

Der Standard: Frau Lugner modelt, weil ein Shoppingcenter Jeannine Schiller dann 20.000 Euro für ein Kinderheim überreicht. Da wird die Logik klar: Die Promis marschieren, und die Medien berichten.
Landau: Genau. Wenn über die Gruft intensiver berichtet wird, kommen nachher mehr Menschen, die Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände vorbeibringen. Darum: Ja, das macht einen Unterschied. Es geht auch um den Mut, hinzusehen – und zu Prominenten wird hingesehen.

Der Standard: Oft stehen Damen der „besseren“ Gesellschaft für Charity. Steckt dahinter der Wille zum Helfen oder exzessives Ego-Tripping?
Landau: Da gibt es alles. Gar nicht wenige machen das mit einer sehr ordentlichen Grundhaltung. Weil es ihnen gut geht und weil sie wissen, dass ein gewisses Ausmaß des Glücksausgleiches anständig ist. Es gibt aber auch welche, die das weniger professionell tun. Da gibt es wirklich alle Abstufungen.

Der Standard: Es gibt ein Spendengütesiegel, aber kein Charitygütesiegel.
Landau: Man soll das Positive sehen und den Willen zur Hilfe zunächst ernst nehmen. Aber es gibt Fälle, wo wir sagen, "das können und wollen wir nicht". Etwa wenn ein Betrieb sagt, man sammle, aber die Familie, die das Geld bekommt, soll auf die Bühne und sich bedanken. Und der Vater soll von der Armut erzählen: Hilfe braucht auch Diskretion und Anonymität.

Der Standard:Diskretion? PR-Agenten raten zu Charity als Image-Investition.
Landau: Ich verstehe, wenn man sich das wünscht. Aber Arbeit und Einsatz müssen entsprechen. Ich glaube, es kommt auf die Redlichkeit an. Wenn die Sache zum PR-Gag verkommt, ist es nicht redlich. Ich habe manchmal den Eindruck ... Nein, sagen wir es anders, weil das ist eine sehr schwierige Geschichte: Ich glaube, dass sich größere Organisationen leichter tun, Nein zu sagen. Kleine Initiativen laufen eher Gefahr, missbraucht zu werden. Das ist heikel, weil ich niemandem sagen will: Es ist gescheiter, ein Projekt nicht zu realisieren. Ich möchte die Balance wahren und Menschen, die sich für andere einsetzen wollen, die Botschaft übermitteln, dass dieser Einsatz prinzipiell wichtig ist. Ich will niemanden verschrecken, der helfen will. Ich will durch meine bewusst vorsichtige Wortwahl niemanden davon abhalten, diesen Schritt zu machen. Und noch etwas ist mir wichtig: Es gibt viel mehr Ernsthaftigkeit, als es auf den Societyseiten mitunter den Anschein erwecken mag.

Der Standard: Versetzen Sie sich in die Situation eines Gesellschaftsreporters: Den rufen Charity-Macher an und sagen ganz offen, dass Sponsoren abspringen, wenn der Chef nicht im Bild vorkommt.
Landau: Ja, das ist schwierig. Wenn jemand zu uns kommt und sagt, er leistet nur unter der Bedingung Hilfe, dass es jemand abdruckt, können und wollen wir diese Zusage nicht geben.

Der Standard: Das Kalkül dahinter ist klar: Zu Weihnachten ist man gut – und bleibt so im Gedächtnis. Aber funktioniert das?
Landau: Ich glaube, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Die Leute bekommen mit, ob es eine Grundhaltung gibt oder nicht.

Der Standard: Charitys delegieren das Helfen – sowohl vom Staat als auch vom einzelnen Bürger weg.
Landau: Das ist ein wichtiger Aspekt. Meine Sorge ist, dass individuelle Solidarität gegen strukturelle Solidarität ausgespielt wird: Charity-Events können den Sozialstaat nicht ersetzen. Auch weniger „attraktive“ Not braucht Antwort und Hilfe. Bei Kindern gibt es rasch die Bereitschaft zu helfen, aber was ist mit älteren, trockenen Ex-Alkoholikern? Es braucht beides – die Botschaft muss lauten, dass Charity-Events nicht bedeuten dürfen, dass der Sozialstaat ein Auslaufmodell ist. Das Gutsein darf nicht ausschließlich dem Einzelnen überlassen werden.

Der Standard: Ein Grundsatzstatement – oder die Warnung vor einer Tendenz?
Landau: Beides. Es ist auch die Sorge, dass es so etwas wie die Privatisierung von Not in doppelter Hinsicht gibt. Weil Notleidenden gesagt wird: Schaut selbst, wie ihr da rauskommt – auch wenn das mit der Wirklichkeit oft nichts zu tun hat. Und ich habe die Sorge, dass der Kampf gegen Armut privatisiert und an Einzelne delegiert wird: Die kümmern sich eh – Staat und Gesellschaft klopfen ihnen auf die Schultern und verabschieden sich. Das ist eine äußerst problematische Entwicklung.

Der Standard: Aber delegiert nicht auch das Publikum das Gutsein? Vor Weihnachten gibt es Charity-Sperrfeuer. Nach Weihnachten lehne ich mich zurück, sage: So, jetzt waren wir alle gut – und jetzt ist Ruhe.
Landau: Es geht darum, die Unruhe zu bewahren, und es geht darum, zu sagen, dass es uns erst gut geht, wenn es auch denen am Rande gut geht: Armut und Not gibt es auch dann, wenn das Publikum sich denkt, dass wieder Ruhe einkehren sollte. Da ist das Delegieren natürlich etwas, was das Gewissen beruhigt: Man hat doch ohnehin gespendet. Aber Charity ist nicht nur die Gala, nach der man den Mantel anzieht und sich sagt: "Heute war ich gut." Charity ist eine Haltung. Und Haltung hat man 365 Tage im Jahr – oder gar nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.12. 2006)
ZUR PERSON

Michael Landau, geboren 1960 in Wien, studierte zuerst Biochemie, später auch Katholische Theologie an der Universität Wien. Landau empfing 1992 die Priesterweihe in Rom und ist seit 1. Dezember 1995 Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien.

Caritas-Spendenkonto PSK 7.700.004, BLZ 60.000
  • Michael Landau: "Es geht darum, die Unruhe zu bewahren, und es geht darum, zu sagen, dass es uns erst gut geht, wenn es auch denen am Rande gut geht: Armut und Not gibt es auch dann, wenn das Publikum sich denkt, dass wieder Ruhe einkehren sollte."
    foto: standard/heribert corn

    Michael Landau: "Es geht darum, die Unruhe zu bewahren, und es geht darum, zu sagen, dass es uns erst gut geht, wenn es auch denen am Rande gut geht: Armut und Not gibt es auch dann, wenn das Publikum sich denkt, dass wieder Ruhe einkehren sollte."

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