26. Jänner 2007, 12:56
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Was die ORF-Frauen angesichts grenzenloser Männermacht am Küniglberg tun sollen, will Alice Schwarzer nicht sagen. "Keine Zeit", entschuldigt sie sich beim STANDARD via E-Mail. Immerhin: Für einen Rückblick auf 30 Jahre "Emma" geht es sich dann doch aus.

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STANDARD: Haben Sie je Eva Herman getroffen? Was sagen Sie zur neuen "Zurück-zum-Herd"-Philosophie?

Schwarzer: Emma antwortet Eva Herman mit dem "Emma-Prinzip" - nachzulesen in der Jubiläumsausgabe.

STANDARD:: In "Emmas" Anfangsjahren waren Sie der Schrecken der Familienväter. Die Anfeindungen haben Sie nach außen hin immer gut ertragen. Eine Maske?

Schwarzer: Es gab von Anfang an immer auch Bestätigung und Zuneigung. Vor allem auch von "Familienmüttern". Und auch von so manchem Mann. Das hat mir Kraft gegeben, weiterzumachen. Die Reaktion der Menschen hat mir gezeigt: Ich habe Recht.

STANDARD: Was waren glückliche, was waren schlimme Momente bei "Emma"?

Schwarzer: Hart waren die 70er- und der Anfang der 80er-Jahre. Da war es bei den Medien Mode, immerzu Frauen auf mich zu hetzen. Und solche Angriffe aus den eigenen Reihen setzen einfach mehr zu als die Widersprüche von Männern. Die kann ich ja noch irgendwie verstehen. Die wollen einfach ihre Privilegien nicht verlieren.

STANDARD: Haben Männer immer noch Angst vor Ihnen?

Schwarzer: Die meisten Männer wissen sehr wohl, dass Frauen wie ich Recht haben. Männer verstehen ja was von Macht. Aber da scheint es ein renitentes Drittel zu geben, die tauchen auch in unserer Umfrage wieder auf, das sind die, die mich "männerfeindlich" finden. Also wenn diese Sorte Angst vor mir hat, soll es mir recht sein.

STANDARD: Wo steht die Frauenbewegung nach 30 Jahren "Emma"? Was wurde erreicht, was nicht?

Schwarzer: Ich finde, dass wir mit Siebenmeilenstiefeln vorangekommen sind. Nach 5000 Jahren Patriarchat haben wir es in sehr kurzer Zeit geschafft, dass Frauen heute gleichberechtigt sind, uneingeschränkt. Zumindest theoretisch. Die Türe zur Welt steht den Frauen offen - auch wenn dahinter noch so manche Hürde und Falle lauert.

STANDARD: Welchen Anteil daran hat "Emma"?

Schwarzer: Emma hat es immer gewagt, auch gegen Denkverbote der Frauenbewegung zu verstoßen - und so manches Problem, so manche Forderung als Erste formuliert: so den Skandal des sexuellen Missbrauchs ab 1977, den der Klitorisverstümmelung 1978 und die Gefahr des islamischen Fundamentalismus ab 1979. Ganz zu schweigen von der Pornografie, über die wir immer wieder die Augen geöffnet haben. Emmas Anliegen war es von Anfang an, Dogmen zu hinterfragen und weiterzudenken - und die Entwicklung aktiv mit voranzutreiben.

STANDARD: Junge Frauen können mit Feminismus nichts mehr anfangen. Stimmt das?

Schwarzer: Das ist völlig unsinnig. Seit Jahren sind zum Beispiel die meisten Neu-Leserinnen von Emma die jungen Frauen. Auch in den 70ern hat es kämpferische und angepasste Frauen gegeben. Die Bedingungen haben sich verändert: Für das Erreichte brauchen die jungen Frauen nicht mehr zu kämpfen. Und das ist auch gut so. Denn sie haben reichlich neue Probleme, wie zum Beispiel den Diätwahn, diese Frauensucht Nr. 1. Inzwischen rufen ja schon Sechsjährige bei den Nottelefonen an, und jede zehnte pathologisch Essgestörte stirbt. Das ist natürlich ein Teil des "Backlashs" auf die Emanzipation: Wir Frauen sollen uns "dünne" machen.

STANDARD: Am meisten hat sich wohl beim Thema Sexualität getan, in den Jobetagen herrschen aber teilweise immer noch alte Strukturen.

Schwarzer: Ja, es sieht ganz so aus, als mache die Sexualität heutzutage auch den meisten Frauen Spaß. Auch Sexualforscher sprechen von einer neuen "Verhandlungsmoral" zwischen den Geschlechtern. Die wahren Probleme fangen heutzutage meist erst an, wenn Frauen den Männern im Beruf Konkurrenz machen oder wenn sie Kinder kriegen. Aber da Vater Staat mehr Kinder will, geht er das Problem ja gerade endlich an. Und die Väter kommen auch in Bewegung. Langsam, aber immerhin. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 16./17.12.2006)

Am 26. Jänner 1977 erschien "Emma" zum ersten Mal. In dieser Zeit klagte Herausgeberin Alice Schwarzer (64) den "Stern" (und wurde abgewiesen), trat gegen Pornografie und für Homo-Ehe auf. Auf spiegel.de kann sie sich Entertainerin Anke Engelke als Nachfolgerin vorstellen.

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  • Schon längst Marke der Frauenbewegung: Alice Schwarzer am Cover der "Emma"-Jubiläumsausgabe.
    faksimile "emma"

    Schon längst Marke der Frauenbewegung: Alice Schwarzer am Cover der "Emma"-Jubiläumsausgabe.

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