Oh du fröhliche!

2. Jänner 2007, 09:40
1 Posting

"Charity" ist eine schöne Sache: Sie verleiht Immunität vor der bösen Nachrede, aber schadet jenen, die selbstlos karitativ tätig sind

Charity ist während des ganzen Jahres ein Thema, aber im Moment überschlagen sich die Events. Das Präfix "Charity" rechtfertigt fast alles und verleiht Immunität.

Fotos von überdimensionalen Schecks samt den sie überreichenden (zumeist) Männern will eigentlich niemand sehen. Außer den Schecküberreichern. "Ich bekomme das Geld doch nur, wenn mindestens zwei Zeitungen darüber berichten. Mit Bild und Nennung der Firma. Was soll ich denn tun?" Die Dame klang am Telefon, als würde sie gleich zu weinen beginnen. Das Foto erschien in mehreren Zeitungen – wenn auch nicht im Standard. Der Chef strahlte. Helfen, erklärte er, sei, was ihm am meisten Freude bereite. Das Kinderheim bekam 5000 Euro. Ein Klacks im Vergleich zu dem, was Inserate gekostet hätten. Vom Imagewert ganz zu schweigen.

"Charity" ist eine schöne Sache: Gutes zu tun und darüber zu reden (oder reden zu lassen) ist längst das ganze Jahr ein Thema, aber gerade in der Vorweihnachtszeit überschlagen sich die Charity-Veranstaltungen: Punschstände, Weihnachtsmärkte, Abendessen, Bilderversteigerungen und Galas – und nicht nur die Seitenblicke hecheln da von einem karitativen Event zum nächsten. Vor allem die Bewohner des "Lugniversums" lassen kaum etwas unversucht, sich selbst einmal in einem Licht zu zeigen, in dem sogar sie vor der bösen Nachrede sicher sind: Das Prädikat "Charity" verleiht nämlich Immunität. Es rechtfertigt alles – denn wer Menschen kritisiert, die ihr Gesicht, ihren Namen und ihre Firma in den Dienst einer guten Sache stellen, ist nicht nur neidig. Er gefährdet das Gute an sich. Die Schlussfolgerung daraus ist logisch: Wer beim Thema "Charity" zweifelt oder einfach nur Fragen stellt, ist ein schlechter Mensch. Per se. Und aus.

Demzufolge ist Gerhard Bittner ein sehr, sehr schlechter Mensch. Denn Bittner sagt: "Beim Thema Charity steige ich einfach nicht durch." Und weiter: "Charity ist mittlerweile eine Industrie, die sich rund um die Promiszene gebildet hat – und es ist völlig undurchsichtig, wie das wirtschaftlich abläuft. Das macht die Sache unangenehm." Gerhard Bittner ist nicht irgendjemand: Er leitet das "Österreichische Institut für Spendenwesen", eine Art Dach- und Kontrollinstitution der seriös in Österreich "bettelnden" Organisationen. Teil der Arbeit des Spendeninstitutes ist es auch, das so genannte "Spendengütesiegel" zu vergeben. Unter anderem sind für die Verleihung dieses Siegels transparente und effiziente Geldflüsse maßgeblich. In der Spenden-Welt, seufzt Bittner, ist dererlei längst Standard. "Aber im Charity-Bereich gibt es das nicht." Und das ist gerade für alle jene schlecht, die wirklich idealistisch und selbstlos karitativ tätig sind. Im Spendenwesen, referiert Bittner, gäbe es deshalb Richtsätze, nach denen die Effizienz des Mitteleinsatzes von Organisationen gewertet werden könne: "Zehn bis 25 Prozent des Umsatzes für Verwaltung und Werbung gelten im Spendenwesen als angemessen, bis 35 Prozent ist tolerierbar." Aber Bittner weiß auch von Organisationen, die nach Charity-Veranstaltungen bass erstaunt waren, wie viel sie vom bekannt gegebenen Ergebnis dann tatsächlich erhalten haben. Meistens – man will schließlich nicht undankbar wirken oder Sponsoren vergraulen – schweigt man dazu lieber.

Ab und zu muckt trotzdem einer auf: Der deutsche Starkoch Tim Mälzer etwa. Der war nämlich 2005 Gast einer zugunsten von Ute Ohovens UNESCO-Kinderhilfsstiftung abgehaltenen Veranstaltung und ersteigerte dort für 51.000 Euro eine Uhr, die er – laut Stern – "weil das nicht mein Stil ist" nie zu tragen gedachte: "Ich wollte etwas spenden." Insgesamt, verlautbarte später der Organisator des Abends, der österreichische Event-Profi Christian Marek, seien 67.800 Euro zusammengekommen. Alle waren stolz und glücklich. Aber Mälzer fragte einige Monate später bei UNESCO nach, was man mit seinem Geld denn getan habe. Und musste erfahren, dass lediglich 11.000 Euro angekommen seien. Der Koch tobte – aber alles war rechtens. Mälzer hatte das Kleingedruckte nicht gelesen: Die Party hatte auf "Reinerlösbasis" stattgefunden – und eine rauschende, glänzende Gala kostet eben Geld.

Freilich: Das ist ein extremer Ausreißer. Er illustriert das Dilemma aber dennoch sehr anschaulich. Spendenforscher Bittner weiß auch noch von anderem Bauchschmerz vieler Organisationen, obwohl doch das, was unter dem Etikett "Charity" läuft, für sie immer wichtiger wird. Bittner: "Sachinformation gelingt über Charity-Veranstaltungen kaum. In den Seitenblicken wird nie eine Inhaltsfrage gestellt, sondern bestenfalls der Scheck gezeigt. Das ist manchmal nicht nur platt, sondern geradezu peinlich."

Erst recht dann, wenn die wirklich gutmeinenden Gönner – ganz plötzlich – mit dem Grund ihres Engagements konfrontiert werden. Ein Beispiel? Den Gästen einer mit ORF-Promis besetzten, fröhlichen Krippenspiel-Veranstaltung verschlug es Anfang Dezember in einem Wiener Hotel die Sprache: Zum Schluss der Performance kam ein Kind auf die Bühne, das sich für das Engagement der Prominenten bedankte – und erklärte, es werde nicht älter als 15 Jahre alt werden. Abgesehen davon, dass das, was die Veranstalterin des Events später mit "Wir haben Charity ein Gesicht gegeben" rechtfertigte, unter professionellen Helfern als "No-no" gilt, mutet auch die Überraschung der Gäste seltsam an. Schließlich war die Veranstaltung klar als Event zugunsten von "Licht ins Dunkel" und hier zugunsten des "Vereins für Mukopolysaccaridosen (MTS)" ausgewiesen gewesen. Hatten die geladenen Gäste sich etwa hinter dem bequemen Puffer der Universalwohltätervokabel "Licht ins Dunkel" verschanzt zurückgelehnt – und lieber gar nicht wissen wollen, dass MTS eine unheilbare, tödliche Erbkrankheit ist? Trieb vielleicht doch auch Seitenblicke-Eitelkeit die Krippenspieler auf die Bühne? Oder war es gar ein bisserl jener Gesinnung, die PR-Leute TV-Gesichtern einbläuen: "Machen Sie Charity-Events – das ist eine Investition, die sich rechnet."

Die deutsche TV-Moderatorin und Buchautorin Nina Ruge bringt diese Kalkulation in einem Interview auf der Homepage des bayrischen "Netzwerks von und für Frauen und Mädchen mit Behinderung" auf den Punkt: "Charity verführt zu Eigen-PR." Ihren Akteuren Eitelkeit zu unterstellen, sei infam, meint Angela Pariasek-Pichler, die Organisatorin des Wiener Promi-Krippenspiels. Und die Kränkung, hier exemplarisch abgewatscht zu werden, ist auch mehr als nur verständlich. "Denn," schreibt Pariasek-Pichler in einem Leserbrief an den Standard, "wenn in Österreich Promis für den guten Zweck Punsch um die Wette trinken, Taschen aus zweiter Hand versteigern oder Puppen verkaufen, dann werden sie dafür gelobt." Und sei es auch nur – dafür dort umso ausführlicher – in jener Tageszeitung (plus eigenem TV-Format), die die prominente Handtaschenversteigererin selbst herausgibt. Was darüber hinaus von Krippenspiel-Kritikern unterschlagen werde, so Pariasek-Pichler, sei das Ergebnis: weit über 30.000 Euro. Ihr Fazit: "Wir haben helfen können, und das ist wunderbar." Dass dieser tatsächlich vom Herzen kommende Wunsch, zu helfen, mitunter auch Selbsthilfe bedeutet, erfuhr die Weltöffentlichkeit kurz nach dem von Bob Geldof und Bono Vox organisierten Hungerhilfe-Konzertmarathon "Live 8" im Juli 2005: Pink Floyd steigerten ihre Plattenabsätze schlagartig um sagenhafte 1343 Prozent. "The Who" schnalzten die Verkäufe von Then and Now um 843 Prozent nach oben, Annie Lennox Eurythmics Greatest Hits-Absatz wuchs um 500 Prozent, und Madonnas Immaculate Collection legte um 200 Prozent zu. Diese "Nebenwirkung" sei ungeplant gewesen, beteuerte Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmore – und forderte die anderen "Live 8"-Musiker umgehend dazu auf, die Extra-Einnahmen zu spenden. Über Reaktionen auf diesen Appell wurde allerdings nichts veröffentlicht. Auch nicht, ob Gilmore selbst seinen edlen Worten wirklich Überweisungen folgen ließ. Aber gut geklungen hat es allemal. (Von Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.12. 2006)

  • Gutes zu tun und darüber zu reden (oder reden zu lassen) ist längst das ganze Jahr ein Thema, aber gerade in der Vorweihnachtszeit überschlagen sich die Charity-Veranstaltungen.
    foto: standard/christian fischer

    Gutes zu tun und darüber zu reden (oder reden zu lassen) ist längst das ganze Jahr ein Thema, aber gerade in der Vorweihnachtszeit überschlagen sich die Charity-Veranstaltungen.

Share if you care.