Weinkultur doch kein Römerimport?

13. März 2007, 13:26
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Archäologen melden Fund eines Traubenkerns aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert am Sandberg im Weinviertel

Wien/Roseldorf - Ist die Weinkultur doch kein Import aus dem Alten Rom - wie vielfach behauptet - sondern eine eigene Erfindung der Kelten? Archäobotanikerinnen um Marianne Kohler-Schneider von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien sind nach Ausgrabungen des Naturhistorischen Museums Wien in der Keltenstadt Sandberg bei Roseldorf auf einen verkohlten Weinkern aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert gestoßen.

Kulturwein

"Es handelt sich eindeutig um Kulturwein", erklärte dazu Kohler-Schneider gegenüber der APA. Kerne von Kulturreben sind eindeutig von ihren wilden Verwandten zu unterschieden, so sind die Kulturformen bauchiger und haben einen längeren Stiel. Dass der nun gefundene Kern überhaupt noch so gut erhalten ist, verdanken die Wissenschafter, dass es im Bereich der Fundstelle einst einen Brand gab. Das hat den Kern konserviert, es sind sogar noch viele Details zu sehen, berichtete die Forscherin.

Der Weinkern stammt aus dem Umfassungsgraben eines Heiligtums, in dem Opfergaben deponiert wurden. "Die Frage ist nun, ob es sich bei dem Weinkern um einen Hinweis auf lokalen Weinbau im dritten Jahrhundert vor Christus handelt, oder ob im Heiligtum importierte Rosinen aus dem Mittelmeerraum als wertvolle Opfergabe dargebracht wurden", so Kohler-Schneider. Immerhin ist es ein weiterer Hinweis auf frühe Weinkultur in der Gegend.

Wein wird in Ostösterreich möglicherweise seit der späten Bronzezeit kultiviert. Für den Import von Rosinen aus dem Süden gibt es schriftliche Hinweise: der römische Autor Plinius berichtete von keltischen Wanderhandwerkern, die aus Italien getrocknete Feigen und Weintrauben in ihre mitteleuropäische Heimat gebracht haben. Dies soll der Sage nach die Kelten zu ihren Überfällen auf Rom angeregt haben.

Reichhaltiges Nahrungsspektrum

Der jüngste Fund ist nicht zuletzt auch ein weiterer Beleg für das reichhaltige pflanzliche Nahrungsspektrum der Kelten. Auf dem Sandberg wurde bereits eine Fülle von Getreidearten, Hülsenfrüchten und Ölpflanzen nachgewiesen: Die Siedler haben Dinkel, Einkorn, Gerste, Hirse und Roggen angebaut, außerdem Erbse, Linse, Leindotter und Mohn.

Ob am Sandberg auch Weinbau betrieben wurde, sei erst zu sagen, wenn auch in den Wohnhäusern der Siedlung Weinkern-Funde gelingen. Eindeutige Hinweise wären weiters Nachweise von Rebmessern oder Weinsteinresten an Gefäßwänden.

"Die Siedlung auf dem Sandberg bei Roseldorf gehört zu den bedeutendsten keltischen Fundplätzen Österreichs," betonte Ausgrabungsleiterin Veronika Holzer von der Prähistorische Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien. "Das Siedlungsareal ist über 20 Hektar groß, hat stadtartigen Charakter und ist besonders reich an Funden. Das Heiligtum, das wir hier entdeckt haben und aus dem der Weinkern stammt, ist mit den bekannten, bereits gut untersuchten Beispielen aus Frankreich vergleichbar und stellt den einzigen Nachweis einer derartigen Anlage in Österreich dar". Der ausgezeichnete Erhaltungszustand der archäologischen und archäobotanischen Objekte lasse für die nächsten Jahre auf weitere sensationelle Funde hoffen. (APA)

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    Die Ausgrabungsstelle Österreichs größter Keltenstadt am Sandberg im Weinviertel.

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