Moorleichen: Wenn Tote beim Torfstechen auftauchen

8. Jänner 2007, 16:34
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Das Spannendste ist wohl herauszufinden, wann und warum die Leichen im Torf gelandet sind - Faszinierende Ausstellung zum Tatort Moor

Moorleichen geben seit jeher Rätsel auf. Das Spannendste ist wohl herauszufinden, wann und warum sie im Torf gelandet sind,_und gerade das ist schwierig. _Eine Ausstellung im Naturhistorischen_Museum beleuchtet mögliche Hintergründe - von Marijana Miljkovic

Wien – Nach dem Prinzip, dass jede Moorleiche als Kriminalfall gedeutet wird, gibt das Naturhistorische Museum (NHM) in Wien seiner Ausstellung "Mumien aus den Moor" einen populären Anstrich.

Die meisten Moorleichen in Norddeutschland

Vom 13. Dezember bis 15. April können sich Hobby-Forensiker im NHM daran machen, in Anlehnung an die TV-Serie "CSI: Crime Scene Investigation" "BSI: Bog Scene Investigation", also Untersuchungen am Tatort Moor, zu betreiben. Die Schau ist in drei Teile gegliedert und widmet sich den Moorleichen, dem Lebensraum Moor von der Steinzeit bis heute sowie der Untersuchung von Funden. Die meisten Moorleichen wurden in Norddeutschland, den Niederlanden, Dänemark und England gefunden. Das Moor selbst fiel dem Raubbau für Dünger und Heizmaterial zum Opfer. Heute darf Torf nur mehr zu Heilzwecken gestochen werden – für "reife Patienten" in puncto Konservierung "von Nutzen", scherzte NHM-Direktor Bernd Lötsch bei der Eröffnung am Dienstag.

Bestattung im Moor

Der Grund, warum Menschen vor Jahrhunderten und Jahrtausenden den Mooren übergeben wurden, ist noch immer nicht geklärt. Denn die gefundenen Leichen wurden nach Einschätzung der Wissenschafter, Archäologen und Biologen wohl nicht aus kriminellen Gründen beseitigt, sie könnten auch Opfergaben gewesen oder einfach bestattet worden sein.

Der Mann aus Tollund

Der berühmteste dieser gut erhaltenen Körper aus dem Moor ist der Mann aus Tollund, der 1950 in Dänemark entdeckt wurde. Zunächst hatte man angenommen, dass der Mann, der aussah, als würde er schlafen, ein Fall der jüngsten Kriminalgeschichte sei, bis man herausfand, dass er stranguliert und einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung ins Moor gebettet wurde. Auch der "rote Franz", der 1900 im Bourtanger Moor bei Meppen in Deutschland gefunden wurde und das "Mädchen von Yde" aus den Niederlanden sind nicht sanft entschlafen. Dem Mann wurde zwischen 252 und 296 nach Christus die Kehle durchgeschnitten, die Frau wurde zwischen 54 v. Chr. und 128 n. Chr. stranguliert. Die Gesichtsrekonstruktion ist in der Ausstellung zu sehen.

C-14-Methode

Untersuchungen an Moorleichen werden unter anderem mit der C-14-Methode (Radiocarbon-Methode) und der Pollenanalyse durchgeführt. Bei Letzterer werden Blüten und Gräser, die an und in der Nähe der Leiche gefunden werden mit bereits datierten Proben verglichen, um das Alter festzustellen.

Tote beim Torfstechen

Doch nicht nur Tote tauchen beim Torfstechen auf. Auch Schmuck, Gebrauchsgegenstände und Kleidung lassen Rückschlüsse auf Traditionen und Lebensweise zu. Die rot-braun-graue Farbe jeglichen Materials hat damit zu tun, dass das Eisen im Moorwasser organische Stoffe entfärbt. Da im Moor ein saures Milieu vorherrscht, wird die Ansiedlung von Bakterien, die zur Zersetzung von Proteinen beitragen, verhindert. Deswegen ist der Zustand von Moorleichen ein guter, aber verschrumpelter, denn Knochen werden zersetzt. (DER STANDARD Printausgabe 14.12.2006)

  • Die faszinierende Ausstellung "Mumien aus dem Moor" ist vom 13.12 bis 15.4 im Naturhistorischen Museum zu sehen
    foto: ausstellung naturhistorische museum

    Die faszinierende Ausstellung "Mumien aus dem Moor" ist vom 13.12 bis 15.4 im Naturhistorischen Museum zu sehen

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