"Die Juden treiben's noch so weit..."

10. Juli 2000, 23:27

Hans Rauscher

Sie trauen sich wieder. Es kommt wieder aus ihnen heraus, was immer drinnen war, aber jetzt trauen sie sich halt wieder mehr. Johann Asamer, der Bürgermeister des oberösterreichischen Ohlsdorf (Heimstatt von Thomas Bernhard, der ihn und seinesgleichen gekannt und beschrieben hat), sagt im neuen profil zu den Zahlungen an Zwangsarbeiter: "Die Juden treiben's noch so weit, bis sie wieder eine auf den Deckel kriegen." Sechs Millionen erschossen, vergast, zu Tode geschunden: Eine auf den Deckel kriegen. Ein Schottergrubenbesitzer und ÖVP-Bürgermeister.

Der Mann ist aber wenigstens unverhohlen. Richtig zum Speiben sind aber die im Ton der frommen Denkungsart vorgetragen Anfragen, wie sie derzeit auf den Leserbrief-Seiten der Krone massenweise aufscheinen. Zahlreiche Einsender wollen ganz sachlich wissen, wie viel die anständigen und fleißigen Österreicher schon für die "Opfer des Nationalsozialismus" haben blechen müssen.

Staberl, trotz seiner mittlerweile 80 Jahre nicht faul, druckt denn auch einen Brief des ehemaligen österreichischen Botschafters Österreichs in Israel, Herbert Kroll, aus dem Jahre 1994 nach, in dem dieser behauptet, Österreich habe bis dahin rund 200 bis 300 Milliarden (!) Schilling an "abstammungsmäßig Verfolgte in der ganzen Welt" überwiesen und zahle weiterhin laufend jährliche Beträge in Milliardenhöhe.

Na bitte! Was wollen die Juden noch? Die sollen's lieber nicht zu weit treiben, sonst kriegen sie noch eine auf den Deckel!

Staberl konnte sich damals auf eine entsprechende Berechnung des österreichischen Außenministeriums (unter Alois Mock) stützen, was ja der wahre Skandal ist. Inzwischen könnte er es aber besser wissen (rein theoretisch), denn die bekannte Historikerin Brigitte Bailer-Galanda hat die Berechnung, die aus dem Mock-Außenministerium damals an Staberl geleakt wurde, entsprechend als die Frechheit dargestellt, die sie ist: Kröll behauptet, dass 1993 an 5004 Personen in Israel 1,6 Milliarden überwiesen worden seien. Der Statistik des Hauptverbandes der Sozialversicherungen ist jedoch zu entnehmen, dass an 4961 Personen etwas mehr als 401 Millionen ausbezahlt wurden. Wie Botschafter Kröll zu der Summe kommt, die in Israel lebenden Altösterreicher hätten durchschnittlich 23.000 Schilling monatlich bezogen, ist unerfindlich. "200 bis 300 Milliarden Schilling" sind überhaupt absurd.

Einige Jahre später gab es das Außenministerium (jetzt unter Wolfgang Schüssel) etwas billiger und behauptete in einer Aussendung, von 1954 bis 1994 seien 120 Milliarden Schilling zusammengekommen. Auch diese Zahl ist nach den begründeten Ausführungen von Brigitte Bailer-Galanda weit überhöht. Vor allem aber handelt es sich nicht um "Wiedergutmachungs- und Entschädigungsleistungen" für Misshandlung, Vertreibung, Beraubung, Todesdrohung, Zerstörung von Lebenschancen, persönlichem Glück, seelischen und körperlichen Schäden - sondern schlicht um Pensionszahlungen, für die es zum Teil erworbene Versicherungszeiten gab.

Die "Leistung" der Republik Österreich lag darin, dass sie diese Pensionen auch an vertriebene ehemalige Österreicher auszahlte, die inzwischen Bürger eines anderen Staates waren.

Die sich dumm stellenden Frager in der Staberl-Leserbriefspalte: "Hat die Bevölkerung ein Recht zu erfahren, was und wie viel österreichischerseits in den Topf ,Entschädigung für Opfer des Nationalsozialismus' geflossen ist?" sollten damit zur Genüge, aber wohl nicht zu ihrer Befriedigung beantwortet sein.
hans.rauscher@derstandard.at

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