"Tendenz in Russland, sich vom Westen abzuwenden"

21. März 2007, 13:16
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Nina Chruschtschowa, Spezialistin für internationale Beziehungen, warnt im STANDARD-Interview vor Konfrontationskurs

Trotz der bedenklichen Entwicklung in Russland warnt Nina Chruschtschowa, Spezialistin für internationale Beziehungen, im Gespräch mit Josef Kirchengast den Westen vor einem Konfrontationskurs.

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STANDARD: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Mord am Kreml-Kritiker und Ex-Agenten Alexander Litwinenko und jenem an der Journalistin Anna Politkowskaja?

Chruschtschowa:Höchstens als Nachahmungstat. Man sollte die beiden Fälle nicht auf die gleiche Stufe stellen und die russische Regierung nicht gleichermaßen für beide verantwortlich machen.

STANDARD: Was ist die wahrscheinlichste Version im Fall Litwinenko?

Chruschtschowa:Es handelt sich eben um Russland mit seiner immer noch stark byzantinischen Kultur. Das kann also per definitionem kein klarer Fall sein, angesichts der Verborgenheit, in der sich diese ganze Kultur um den früheren Geheimdienst KGB und auch weite Bereiche der Politik abspielen. Ich bin kein Fan von (Präsident Wladimir) Putin, aber ich halte ihn nicht verantwortlich für den Mord an Litwinenko.

STANDARD: Wohl aber für den Tod von Anna Politkowskaja?

Chruschtschowa:Nicht in dem Sinn, dass er dahinter steht. Aber dass er eine Atmosphäre schuf, in der so etwas möglich ist – daran ist er schuld.

STANDARD: Die Hintermänner des Litwinenko-Mordes wollten Putin schaden, heißt es. Wenn dem so ist – mit welchem Ziel?

Chruschtschowa:Es gibt sehr mächtige Emigranten wie Boris Beresowski, die sehr daran interessiert sind, Putin zu diskreditieren. In Beresowskis Augen ist Putin ein Verräter: Er hat ihn ja einst an die Macht gebracht. Andererseits hat der Kreml ein Interesse daran, Beresowski zu diskreditieren. Diese Version halte ich allerdings für eher weit hergeholt, denn Beresowski ist schon genug diskreditiert. Aber ob es sich nun um einen Kampf Beresowskis gegen Putin oder umgekehrt handelt, Russlands Problem ist, dass es dabei keine Gewinner mehr gibt.

STANDARD: Ist Putin noch Herr des Geschehens oder wird er mehr und mehr Gefangener des Systems, das er selbst schuf?

Chruschtschowa:Beides. In gewisser Weise hat er noch die Kontrolle, aber wir wissen aus der Geschichte, wie das läuft, von Nikita Chruschtschow, von Michail Gorbatschow. Sie haben mit großer Machtfülle begonnen, und sechs Jahre später hatten sie nicht mehr die Kontrolle über das Geschehen. Interessanterweise sind es jetzt auch bei Putin sechs Jahre seit dem Amtsantritt. Wie bei Gorbatschow die Hardliner versuchten, die Oberhand zu bekommen, könnten es bei Putin die KGB-Leute sein, die er selbst in die Ämter gebracht hat. Sobald die Kreml-Maschine einmal läuft, ob die kommunistische oder die KGB-Maschine, kann sich der Präsident nicht mehr von ihr lösen.

STANDARD: Wie soll sich der Westen in dieser Situation gegenüber Russland und Putin verhalten?

Chruschtschowa:Es ist wichtig, Putin zu kritisieren, aber nicht so generell und unspezifisch, wie das oft in den USA geschieht. Das ist sehr gefährlich, denn aus der russischen Natur heraus kehrt Moskau dann fast reflexartig dem Westen seinen Rücken zu in der Überzeugung: Egal, was wir tun, sie hassen uns sowieso. Jede Kritik am Kreml und an Putin sollte sich auf ganz konkrete Fälle beziehen und sehr diplomatisch erfolgen, ganz und gar nicht à la George W. Bush. Europa macht das sehr gut und hat auf diplomatischer Basis ein gutes Verhältnis entwickelt. Und das ist der einzig richtige Weg, mit Russland umzugehen, denn es gibt eine Tendenz, sich vom Westen abzuwenden, und dann ist Russland schnell isoliert.

STANDARD: Generelle Kritik ohne Berücksichtigung der Faktenlage bewirkt also das Gegenteil des Beabsichtigten?

Chruschtschowa:Das wirkt kontraproduktiv, wie ja der Fall Litwinenko zeigt. Im Westen ist Putin diskreditiert, aber die Russen lieben ihn noch mehr. Was immer wir tun, wir können es denen im Westen nicht Recht machen, heißt es.

STANDARD: Manche sagen: Egal, wer Putin 2008 nachfolgt, es wird auf jeden Fall sein politischer Klon sein. Chruschtschowa:Das hoffte auch Beresowski bei Putin, den er als Klon Jelzins installieren wollte. Und schauen Sie, was daraus geworden ist.(DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2006)

ZUR PERSON: Nina Chruschtschowa, Enkelin von Nikita Chruschtschow, ist Professorin für Internationale Beziehungen an der New School University in New York. Im Standard erscheinen immer wieder Gastbeiträge von ihr. Morgen, Donnerstag, nimmt Chruschtschowa gemeinsam mit Medienvertretern aus Russland und Österreich an einer Gedenkveranstaltung für die ermordete Anna Politkowskaja im Wiener Akademietheater teil (Beginn 20 Uhr).
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