Poetikvorlesung

7. Oktober 2006, 14:13
posten

2011. Hörsaal 6 in der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität Frankfurt. Der Schriftsteller Thomas Glavinic hält eine Poetikvorlesung

GLAVINIC: Für mich gibt es wenig, worüber zu schreiben so schwierig ist wie über Sex. In den meisten Romanen fällt der Autor entweder diese oder jene Entscheidung, also entweder immer feste druff oder Licht aus und neue Szene, das Liebespaar erwacht, sie geht duschen und er kocht Orangensaft.

(Kurze Pause, wie um den Studenten Gelegenheit zu geben zu lachen. Niemand lacht.)

GLAVINIC: Beides ist unbefriedigend. Das eine ist zu derb, das andere zu prüde. Also einen Mittelweg finden. Nicht leicht. Ich selbst lese ja lieber über Sex, als dass ich darüber schreibe. Aber wenn jeder Autor so denken würde, hätten wir überhaupt keine Sexgeschichten und -szenen mehr, und das wäre auch wieder ein Unglück.

(Pause wie oben.)

GLAVINIC: Die Frage ist: Wie weit geht man als Autor? Es hängt davon ab, was man mit einer Szene erreichen will. Und da beginnen die Probleme. Man kann mit Sexszenen in Büchern nur in Ausnahmefällen eine Information liefern. Klar, man kann über die Beziehung der beiden Menschen etwas sagen. Aber braucht man dazu etwas so Exponiertes wie Sex? Manchmal, zumeist nicht. Sexszenen haben so gut wie immer nur voyeuristische Funktion. Deshalb ergeben sie meist Trivialliteratur. Übrigens nichts gegen Trivialliteratur. Ab und zu lese ich sie gern, ich schaue heute noch hin und wieder in diverse Karl-May-Bücher rein.

(Pause wie oben.)

GLAVINIC: Vielleicht ist Kunst nichts für den Alltag. Kunst braucht man zum prinzipiellen Überleben, das Triviale hingegen zum alltäglichen Überleben. Sex ist nicht Kunst, Sex ist trivial. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Applaus, Klopfen auf Bänke)

GLAVINIC (seine Papiere ordnend): Morgen bitte pünktlich um acht Uhr dreißig nicht im Hörsaal, sondern in der Lobby des Hotels "Palmenhof". Wir werden uns dann meine Briefmarkensammlung ansehen.

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, Printausgabe, 07.10.2006)

Material: Thomas Glavinic: "Sex", Kurier, 24. 9. 2006
Share if you care.