Als Lance Armstrong das Licht wieder sah

10. Juli 2000, 19:34

Der Vogel Phoenix wurde als Erscheinung des Sonnengottes verehrt und ist das Symbol der ewigen Erneuerung - jetzt wieder in Gelb.

"Ich bin vom Totenbett aufgestanden!" Sagt Lance Armstrong, der vom Totenbett aufgestanden ist.

Armstrong, 1971 in Dallas geboren, ist Radfahrer und als solcher einer der wenigen Amerikaner, die quasi welt-, also in Europa bekannt werden, der erste nach dem berühmten Greg LeMond jedenfalls. 1992 ins Profilager und nach Nizza übersiedelt, wird Armstrong zur allgemeinen und seiner eigenen Überraschung schon ein Jahr später Weltmeister, Motorola gibt ihm einen Spitzenvertrag, er heiratet, siegt hie und da, gilt nicht unbedingt als harter Arbeiter, der Erfolg scheint ihm in den Schoß zu fallen.

Das Krebsleiden

Im Oktober 1996 bekommt Armstrong von den Ärzten mitgeteilt, dass er an Hodenkrebs leidet. Menschen mit derart vielen Metastasen, sagen die Mediziner später, sterben zu 99 Prozent. Armstrong ist das eine Prozent. Noch während er im Spital liegt, distanziert sich sein Team Cofidis von Armstrong. Sein Freund Jim Ochowicz, der keinen Augenblick von Armstrongs Seite weicht, sagt: "Man kann nur erahnen, was Lance durchgemacht hat."

Ein Jahr lang hat Armstrong um sein Leben gekämpft. Im Frühjahr 1998 kehrt er zu den Radfahrern zurück, zunächst kann er nicht richtig Tritt fassen. "Es ist nur wichtig für mich, wieder dabei zu sein. Ich brauche den Erfolg nicht." Der Erfolg kommt trotzdem, erst zizerlweise, dann mit aller Macht. Heuer im Juli gewinnt Lance Armstrong die Tour de France, die kann einen solchen Sieger dringend brauchen nach all den Dopingskandalen, nach Marco Pantanis merkwürdiger Disqualifikation beim Giro d'Italia, nach Jan Ullrichs merkwürdiger Absage.

Alex Zülle, der Zweite in Frankreich, sagt: "Keinem ist der Sieg so zu gönnen." Die Frage, ob Armstrong während seiner Erkrankung mit Testosteron behandelt worden sei, wird von den ihn damals behandelnden Ärzten verneint. Immerhin führen Fachleute an, dass Menschen, die eine schwere Krankheit besiegt hätten, danach über große mentale Fähigkeiten verfügen.

Lance Armstrong, dem der TdF-Sieg mehr als 50 Millionen Schilling bringt, wird ins Weiße Haus eingeladen, er schenkt dem Präsidenten ein Fahrrad und ein Gelbes Trikot, er gewinnt diverse Wahlen zum "Sportler des Jahres", zum "Mann des Jahres". Hollywood-Mogul Bud Greenspan will Armstrongs Leben verfilmen. 50 Prozent seines Erfolgs, sagt der Texander, verdanke er den Ärzten. 25 Prozent seinem neuen Team US-Postal-Service. Und 25 Prozent denen, die nicht an ihn geglaubt hatten.

"Was Lance Armstrong geschafft hat, kann vielen Menschen Hoffnung geben." Sagt Lance Armstrong, der vielen Menschen Hoffnung geben kann. (Fritz Neumann)

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