Enrico Montalbano: "Du musst fast tot sein, um da heraus zu kommen"

22. April 2008, 20:42
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Dokumentarfilmer Enrico Montalbano im Interview über die Zustände in sizilianischen "Zentren zeitweiligen Aufenthaltes"

Die Kamera blickt durch Gitter hindurch. Nur als dunkle Schatten tauchen afrikanische Flüchtlinge im Film "Hurrya" (Freiheit) des sizilianischen Dokumentarfilmers Enrico Montalbano auf. Aus den "Zentren zeitweiligen Aufenthaltes" in Agrigento, Caltanissetta und Trapani auf Sizilien ist kein Kontakt zur Außenwelt möglich. Die Überlebenden einer lebensgefährlichen Reise durch die Wüste und über das Meer landen als "clandestini" in geschlossenen Camps. Doch die Abschiebungen nach Libyen wurden gestoppt. Ein Interview von Gastautorin Kerstin Kellermann

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Seit Oktober 2004 wurden von der Berlusconi-Regierung Tausende Afrikaner nach Libyen abgeschoben, und zwar ohne Prüfung der Fluchtgründe, wie Menschenrechtsorganisationen behaupten. Was hat sich durch die neue Regierung in Italien in bezug auf die Situation von Flüchtlingen geändert?

Enrico Montalbano: Die Kooperation mit Libyen zum Zwecke der Abschiebungen gab es zwei, drei Jahre lang. Das nannte sich "Wiederaufnahme-Verfahren". Alle Leute, die durch Libyen gekommen sind, bzw. mit dem Boot von dort los gefahren sind, wurden mit dem Flugzeug direkt nach Tripolis gebracht. Im Oktober 2004, das ganze Jahr 2005 und die ersten Monate des Jahre 2006 gab es diese wiederholten Abschiebungen von Lampedusa aus, aber auch von anderen Orten.

Die Regierung Berlusconi hatte diese Praxis ohne die Erlaubnis des italienischen Parlamentes eingeführt, das Parlament erhielt keine Informationen darüber. Die Abschiebungen nach Libyen, einem Land, das die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterschrieben hat, wurden inzwischen gestoppt. Der Menschengerichtshof in Straßburg hatte die Regierung Berlusconi aufgefordert, dazu Erklärungen abzugeben, weil diese Praxis als nicht legal angesehen wurde.

Auf Grund Ihres Filmmaterials über die geschlossenen Flüchtlingslager, das zum Teil auch im staatlichen Fernsehen gezeigt wurde, wurde ein "Zentrum zeitweiligen Aufenthaltes" geschlossen?

Enrico Montalbano: Das Lager in Agrigento wurde von der EU-Kommission zur Verhinderung von Folter geschlossen. Ein Jahr zuvor waren wir überraschend mit zwei Parlamentarierinnen, die das verfassungsmäßige Recht haben, jederzeit überall rein zu kommen, in einer Nacht in einer Art von Blitzüberfall dort und drehten Filmmaterial, wie jemand drinnen ohnmächtig wurde. Abgeordnete der Grünen und der Kommunisten benutzten dieses Material vor der Kommission, um die Zustände aufzuzeigen.

Natürlich wurde das Camp nicht nur wegen uns und unserer Arbeit geschlossen, aber die Aufdeckung durch die Parlamentarier führt dazu, dass die Kommission nach Sizilien kam und prüfte. Die Institutionen der EU und eben nicht irgendwelche Globalisierungsgegner entschieden sich dann dazu das zu schließen. Es kann aber auch politische Gründe für die Schließung geben, oder die Verlagerung der Ankünfte der Flüchtlinge nach Ragusa, Richtung Agrigent, wir wissen es nicht.

Wie war Ihr erster Eindruck dort?

Enrico Montalbano: Mein Eindruck war, dass da etwas begann, das jahrelang andauern wird. Mit allen Eigenschaften von polizeilicher Kontrolle - es hatte nichts von einem "Aufnahmelager", einem aufnehmenden Ort. Das erste Zentrum, das ich besuchte, war 2003 das von Caltanissetta, einem enormen Areal umgeben von Zäunen und Scheinwerfern, die Tag und Nacht leuchteten. In Fertigteil-Bauten lebten 150 bis 200 Leute dort, zum Großteil tunesische und marokkanische junge Männer, aber auch Albaner. Während sich die Afrikaner fragten, warum sie eingesperrt sind und hinaus wollten, war der Albaner überzeugt davon, dass das Leben in den Camps nicht schlecht sei, weil er etwas zu essen und einen Schlafplatz hatte.

Er hielt das für eine überzeugende Lebensvariante. Er führte uns in die Schlafsäle hinein. Ich erschrak, nicht nur wegen dem Gestank aus dem Kanal, sondern weil es fünf enge und lange Räume waren, mit jeweils auf den Seiten Dreier-Stockbetten aus Zement mit dünnen Matratzen und einer kleinen Lampe pro Raum. Es gab keine Türen und, um ein bisschen Privatsphäre zu haben, hatten die Leute Decken aufgehängt. In den Waschbecken wuschen die Leute ihre Wäsche. Damals waren es 30 Tage maximalen Aufenthaltes, jetzt sind es sechzig Tage. Die Verwaltung des Lagers wird nach einem Wettbewerb gewonnen, es ist eine private Organisation. Am Anfang war es in Caltanissetta das Rote Kreuz, jetzt ist es eine Organisation namens "Albatros".

Im Film kommt vor, wie die eingesperrten Schutzsuchenden aus Protest ihre Matratzen anzünden, und sich selbst dabei verletzen.

Enrico Montalbano: Von Anfang an waren diese Selbstverstümmelungen das stärkste Zeichen für das Unwohlseins in diesen Zuständen in den Lagern. Es gab Dutzende Fälle. 2003 besuchte ich das Zentrum zeitweiligen Aufenthaltes in Trapani. Wenn es zu viele Leute gibt, in diesem Zentrum und ein anderes Gebäude, eine alte Turnhalle direkt am Hafen verwendet wird, passiert viel. Vor unserem Besuch gab es ganz viele Landungen, also Ankünfte von Booten und Schiffen. Es gab Hunderte Leute dort, auch Frauen, die auf dem Boden schlafen mussten, ohne Betten, mit Zeitungen als Unterlage. Als wir hinein kamen, liefen alle zu uns, weil sie dachten, wir befreien sie jetzt. Viele zogen sich ihre Kleider herunter, um uns die Schnitte zu zeigen, die sie von Selbstmordversuchen hatten. Ein Mann hatte diese Wunden am Arm im Krankenhaus extrem schlecht vernäht bekommen, unser mitgebrachter Arzt war entsetzt. Alle hatten die Krätze, was sehr ansteckend ist, auch für die Polizei. Der Betreiber kümmerte sich nicht darum, dass die Leute krank waren, der mafiöse Arzt dort machte seine Arbeit nicht.

Heute decken viele Migranten auf, dass sie nicht ins Krankenhaus gebracht werden, nur in ein Krankenzimmer im Zentrum selbst. Und nicht von einem Arzt untersucht und behandelt, sondern nur von einem Krankenpfleger. Es werden ganz allgemeine Medikamente und Psychopharmaka ausgehändigt. Vor einigen Wochen brachte ich eine exklusive Geschichte im staatlichen Fernsehsender RAI, wo zum erstenmal Einwanderer, die Überlebende eines Schiffsbruchs im August sind, und in den ersten Tagen im Identifikationszentrum für Asylsuchende in Caltanissetta untergebracht waren, über dieses redeten. Die dürften eigentlich nicht im Abschiebebereich sein, sondern müssten bis zum ersten Urteil der Abschiebung eigentlich frei sein. Die deckten viele Sachen auf: Den internen Rassismus der nordafrikanischen kulturellen Mediatoren, die ihre Landsmänner favorisieren, und Südafrikanern keine Hilfestellung geben und die gegen Bezahlung die Flucht aus diesem Lager fördern. Und eben auch die Unmöglichkeit in ein Krankenhaus zu kommen. Du musst fast tot sein, um da heraus zu kommen.

Gastautorin Kerstin Kellermann ist Redakteurin der Kunstzeitschrift "art in migration" und ständige Freie beim Augustin.

Übersetzung aus dem Italienischen: Angela Huemer

Enrico Montalbano besuchte Wien im Rahmen eines Studientages der Asylkkordination.

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