derStandard.at-Interview: Differenzen hinter dem "kulturellen Mäntelchen"

25. Dezember 2006, 19:24
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Familienkonzepte, Geschlechterrollen und Werte handeln bikulturelle Paare oft aus, erklärt Petruska Krcmar von Fibel

Petruska Krcmar berichtet im derStandard.at-Interview mit Heidi Weinhäupl aus ihrer Beratungspraxis bei Fibel, der Fraueninitiative für Bikulturelle Ehen und Lebensgemeinschaften.

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derStandard.at: Wodurch unterscheidet sich eine bikulturelle Partnerschaft von anderen Partnerschaften?

Petruska Krcmar: Vielleicht dadurch, dass die Denkmuster und Systeme nicht automatisch zusammenpassen. Zwischen bikulturellen PartnerInnen muss oft etwas ausgehandelt werden, es wird viel diskutiert. Doch das ist auch eine schöne Sache – man nimmt nicht so viele Dinge als gegeben hin und hinterfragt auch eigene Zwänge oder Denkmuster.

derStandard.at: Oft gibt es dabei aber vermutlich auch sprachliche Schwierigkeiten?

Krcmar: Eigentlich weniger – wenn ein Paar über etwas reden will, finden sich fast immer Worte. Es gibt eher das Problem, worüber man spricht und worüber nicht. Und wie: Auch die Lautstärke einer Unterhaltung wird kulturell bedingt unterschiedlich gesehen. Was in Nigeria oder Italien normal ist, kann bei uns als laut empfunden werden. Und was bei uns normal ist, kann in asiatischen Kontexten als Schreien aufgefasst werden. Das ist allerdings auch stark eine Generationenfrage, auch bei uns: Meine Oma hat nie geschrieen, selbst ich tu mir da schwer.

derStandard.at: Abgesehen von der derzeitigen Rechtslage - was sind typische Probleme bikultureller Paare?

Krcmar: Drei Grundfragen tauchen in unseren Beratungen bei Fibel immer wieder auf: Unterschiedliche Auffassungen von Familie und Zugehörigkeit, Geschlechterrollen und unterschiedliche Werte, die kulturell oder religiös sein können. Nicht überall gilt die Kernfamilie aus Mann-Frau-Kind als Standard; oft ist es eher die Herkunftsfamilie, zu der primäre Bindungen bestehen. Dies kann dann zu Problemen führen, vor allem wenn das mit ökonomischen Fragen verknüpft wird und die Geldsendungen das Auskommen der Familie hier bedrohen.

derStandard.at: Wo liegen die Probleme bei den Geschlechterrollen?

Krcmar: Zum einen gibt es kulturell unterschiedliche Auffassungen darüber, was die Aufgaben eines Mannes und die einer Frau sind - hier müssen die EhepartnerInnen sich darüber einigen, was sie selbst leben wollen. Schwierigkeiten gibt es teilweise, wenn die österreichische Frau hauptsächlich für das Familieneinkommen zuständig ist. Das ist oft am Anfang so, schließlich muss der Mann zunächst die Sprache lernen und einen Job finden, und verselbständigt sich dann manchmal, was die Frau unter Druck setzen kann. Hinzu kommt da dann der soziale Druck in Österreich: Schließlich entspricht das nicht dem in Österreich "kulturell" gängigen patriachalen Modell.

derStandard.at: Und was wären "kulturelle Unterschiede"? Stecken da nicht oft andere Differenzen dahinter?

Krcmar: Ja - gerade die ÖsterreicherInnen benutzen häufig das "kulturelle Mäntelchen", dabei geht es sehr oft um Differenzen zwischen Geschlechtern, Klassen und vor allem um Bildung. Es wäre aber einfach wichtig, die gegenseitigen Werte und Einstellungen zu kennen und auszuhandeln. Über Land und Religion kann man sich ja auch schon vor der Hochzeit informieren.

derStandard.at: Gibt es da auf Seiten der ÖsterreicherInnen viele falsche Vorstellungen und Exotisierungen?

Krcmar: Ja, manche haben noch Träume von "Edlen Wilden" im Hinterkopf und projizieren diese auf ihre PartnerInnen. Gefährlich wird das vor allem dann, wenn der eigene Traum höher gestellt wird als die Chancen der exotisierten Menschen. Hier sollte aktiv daran gearbeitet werden, die Machtdifferenzen abzuarbeiten, indem die PartnerInnen die Sprache lernen, sich bilden und eigene Netzwerke aufbauen können. Der österreichische Teil hat hier eine besondere Verantwortung - schließlich hat er den Heimvorteil. Denn in dieser Richtung spielt die Sprache und das Wissen darüber, wie die österreichische Gesellschaft funktioniert, eine große Rolle. (derStandard.at, 12.12.2006)

  • Petruska Krcmar: "Gerade die ÖsterreicherInnen benutzen häufig das 'kulturelle Mäntelchen', dabei geht es sehr oft um Differenzen zwischen Geschlechtern, Klassen und vor allem Bildung."
    foto: heidi weinhäupl

    Petruska Krcmar: "Gerade die ÖsterreicherInnen benutzen häufig das 'kulturelle Mäntelchen', dabei geht es sehr oft um Differenzen zwischen Geschlechtern, Klassen und vor allem Bildung."

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