Therapeutische Handarbeit

28. März 2007, 12:12
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Osteopathie ist eine Heilkunst, die ohne Medikamente auskommt - Nicht immer ist da, wo es schmerzt, auch die Ursache zu suchen

Ein bisschen wundersam wirkt die Praktik schon: Da werden Menschen in nur wenigen Sitzungen von jahrelangen Verdauungsproblemen befreit; Schmerzen im Nackenbereich verschwinden durch das manuelle Ausüben von Druck auf den Bauch, und unerbittliche Schreibabys verwandeln sich in zufrieden glucksende Zwerge. Das alles geschieht ganz ohne Medikamente oder andere Hilfsmittel. "Osteopathie hat weder etwas mit Wunderheilung noch mit Esoterik zu tun", schickt Raimund Engel, Geschäftsführer und Mitbegründer der Wiener Schule für Osteopathie und selbst praktizierender Osteopath, voraus. "Es handelt sich dabei um eine ganzheitliche Heilmethode, bei der die Diagnose und die Therapie ausschließlich über die Hände erfolgen."

Der Name Osteopathie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Knochenleiden. Das ist eigentlich irreführend. Denn die Behandlung bezieht alle Körperstrukturen mit ein, vom Skelett über die Muskeln und Organe bis zum Schädel, dem Cranium.

Ganzheitlich betrachtet

Im Zentrum steht der Körper als Einheit und seine Bewegungen. Dabei berücksichtigt die Osteopathie nicht nur die bewussten Muskel- und Gelenksbewegungen, sondern auch unwillkürliche Rhythmen im Körper. Ebenso werden der Blutfluss, die Bewegung der Rückenmarkflüssigkeit und die Beweglichkeit der inneren Organe beobachtet. "Im Idealfall harmonieren alle Bereiche miteinander", erklärt Engel. Sind einzelne Körperstrukturen dagegen in ihren Bewegungen eingeschränkt - zum Beispiel durch eine Verstauchung oder eine Entzündung - beeinflusst das ihre Funktion, was sich unter anderem durch Schmerzen ausdrücken kann. "Das heißt nicht, dass das Problem immer dort zu suchen ist, wo es weh- tut", sagt Engel. Sitzt der Schmerz in der rechten Schulter, wird der Osteopath das Gewebe rundherum abtasten und versuchen herauszufinden, wo die Ursache wirklich liegt. "Schmerzen in der Schulter können ihren Ursprung z. B. in der Halswirbelsäule, einer blockierten Rippe oder auch in der Leber haben", weiß der Osteopath aus Erfahrung.

Wichtig bei einer Behandlung ist eine ausführliche Anamnese zu Beginn. Dann werden die Beweglichkeit und eventuelle Spannungen in den einzelnen Geweben abgetastet.

Ins Lot bringen

Je nach Bedarf des Patienten kann der Osteopath verschiedenen manuelle Techniken zur Korrektur der Fehlfunktion einsetzen: Mit direkten Techniken werden Gelenke mobilisiert und Gewebsstrukturen gedehnt, bei funktionellen Techniken wird ein Gelenk in eine bestimmte Position gebracht und dort gehalten, bis sich die Blockierung von selbst löst. Bei einer visceralen Behandlung dehnt der Osteopath die Bänder, an denen die inneren Organe aufgehängt sind und verbessert das Gleiten der Organe aneinander. Cranio-sacrale Techniken arbeiten mit feinen, körpereigenen Pulsationen.

Fehstellungen in Position bringen

Der Wiener Osteopath Heimo Kuchling hat sich auf die orale Osteopathie und den Fußbereich spezialisiert. Zu ihm kommen unter anderem Menschen mit Zahn- und Fußfehlstellungen. Die Probleme drücken sich aber oft im gesamten Bewegungsapparat aus, häufig in der Wirbelsäule. "Jeder Zahn steht in einem gewissen Zusammenhang mit einem Wirbelkörper und -organ. Das erklärt zum Beispiel, warum nächtliches Zähneknirschen oder -pressen Beschwerden in der Wirbelsäule hervorrufen kann", sagt der Osteopath.

"Durch sanfte direkte oder indirekte Techniken werden zunächst alle einzelnen Gelenke wieder in ihre normale Position gebracht." Für eine Zahnregulierung oder Schienentherapie sei dann der Zahnarzt zuständig. Da Fehlfunktionen im Kieferbereich aber auch psychisch bedingt sein können, sei eine Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten notwendig. Aber auch mit Unfallchirurgen arbeitet Kuchling oft zusammen. "Eine osteopathische Behandlung vor und nach einer Operation, beispielsweise am Meniskus kann den Eingriff erleichtern und die Heilungsdauer wesentlich verkürzen", so Kuchling.

Nicht anerkannt

Gesetzlich anerkannt ist der Beruf des Osteopathen in Österreich allerdings bis heute noch nicht. Viele Osteopathen in Österreich haben ihre Ausbildung im Ausland gemacht. Seit 1991 bietet die Wiener Schule für Osteopathie in Hietzing einen zehn Semester umfassenden, berufsbegleitenden Basislehrgang für Ärzte, Hebammen, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten. Seit Kurzem gibt es einen anschließenden dreisemestrigen Lehrgang in Kooperation mit der Donau-Universität Krems, der mit dem akademischen Titel "Master of Science (Osteopathie)" abschließt.

Die "Österreichische Gesellschaft für Osteopathie" arbeitet seit Langem auf eine Anerkennung des Berufes hin, welche es in vielen europäischen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien und Finnland, längst gibt. "Insgesamt steigt die Akzeptanz für die Osteopathie rasch an", zeigt sich Engel von der Wiener Schule für Osteopathie zufrieden.

Vorwurf: fehlende Beweise

Gegner beanstanden, dass die Methode bis heute die wissenschaftlichen Beweise für ihre Wirksamkeit schuldig blieb. "Tatsächlich gibt es noch zu wenig Forschung zur Osteopathie", sagt Engel. Das liege auch daran, dass man ohne Medikamente auskomme und es somit für die Pharmaindustrie gar nicht interessant sei, in Osteopathie-Forschung zu investieren.

"Faktum ist aber", sagt der Osteopath, " dass wir gute Ergebnisse erzielen. Auch wenn wir im Moment noch nicht alles wissenschaftlich erklären können." Die stark steigende Nachfrage nach osteopathischen Behandlungen scheint ihm Recht zu geben. (DER STANDARD, Printausgabe, Sabina Auckenthaler, 11.12.2006)

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    Unbewusstes Zähneknirschen in der Nacht kann zu Rückenbeschwerden führen, Osteopathen betrachten das gesamte System Körper und finden Zusammenhänge

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