"Wenn ihr Krieg wollt – bitte"

20. Juli 2007, 09:55
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Das ehemalige Oberhaupt Gukasian der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach im Interview - Eine Nachlese

Arkadi Gukasian, der "Präsident" von Berg-Karabach, ließ am Sonntag über eine Verfassung abstimmen, mit der die Unabhängigkeit der international nicht anerkannten Republik festgeschrieben werden soll. Armenien und Aserbaidschan, die Anfang der 90er Jahre einen Krieg um die Enklave geführt hatten, sind jedoch einer einvernehmlichen Lösung des Konflikts näher gekommen. Mit Gukasian sprach Markus Bernath.

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Standard: Wie unabhängig ist Ihre Republik?

Gukasian: Wir kommen mittlerweile für mehr als die Hälfte unseres Haushalts selbst auf. Doch wenn Sie unsere menschlichen Ressourcen mit denen Aserbaidschans vergleichen, ist das natürlich absurd. Aserbaidschan hat viele Vorteile, aber Aserbaidschan hatte genau diese Vorteile schon zu Beginn des Krieges, und Sie wissen ja, wie der ausgegangen ist. Was zählt ist die Professionalität und moralische Einstellung unserer Soldaten. Warum kann das mächtige China nicht Taiwan in die Knie zwingen? Warum kann Kuba den USA trotzen? Wir haben einen Genozid durch die Hand der Aserbaidschaner erfahren, wir wollen nun allein leben. Für uns gibt es keine Alternative zur Unabhängigkeit.

Standard: Dann können Sie sich ja einen gemeinsamen Volksentscheid, wie ihn die internationalen Vermittler der OSZE wollen, sparen – ein Referendum mit den früheren aserbaidschanischen Einwohnern von Berg-Karabach über die politische Zukunft des Gebiets.

Gukasian: Nein, warum? Ein Referendum wäre ein zusätzliches Mittel, um unsere Position zu bestätigen. Der Volkszählung von 1988 zufolge waren 20 Prozent der Bevölkerung von Berg-Karabach Aserbaidschaner. Sie können an einem Referendum teilnehmen – von Baku aus oder von den anderen Städten in Aserbaidschan, in denen sie nun leben. Sehen Sie, wir haben nichts gegen die Rückkehr von Flüchtlingen einer ethnischen Gruppe. Doch diese Rückkehr kann keine Vorbedingung sein, sie muss die letzte Stufe einer Konfliktlösung sein. Denn welche Gesetze würden die Aserbaidschaner achten, wenn sie wieder hier wären? Würden sie die Staatsbürgerschaft von Berg-Karabach anerkennen? Und was soll mit den armenischen Flüchtlingen geschehen, die zurück nach Baku wollen? Gibt Aserbaidschan ihnen Garantien, werden wir dasselbe für die Flüchtlinge von Berg-Karabach tun. Unser Ziel ist eine historische Aussöhnung der beiden Völkern.

Standard: Karabach hält gemeinsam mit der armenischen Armee seit mehr als einem Jahrzehnt etwa ein Fünftel des aserbaidschanischen Territoriums besetzt. Wie lange soll das noch gehen?

Gukasian: Diese Gebiete werden heute von uns verwaltet, sie sind nicht besetzt. Wir betrachten sie als eine Sicherheitszone, als einen Gegenstand, über den wir verhandeln können. Berg-Karabach wurde von diesen Gebieten aus bombardiert. Wir hatten die Wahl: den Konflikt auf das aserbaidschanische Territorium tragen oder vernichtet werden.

Standard: An den Verhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan ist Berg-Karabach schon seit einigen Jahren nicht mehr beteiligt. Stört Sie das nicht?

Gukasian: Das ist eine absurde Situation. Es ist schwierig, unter diesen Umständen irgendeine Einigung zu erreichen. Ohne unsere Zustimmung geht nichts. Es ist wie eine Krankheit heilen zu wollen, ohne die Diagnose zu kennen. Die Georgier sprechen mit den Abchasen und den Osseten. Was macht Aserbaidschan? Sie drohen uns mit ihrer neu aufgerüsteten Armee: „Wir haben Gas, wir haben Öl, wir werden euch zerstören.“ Sie argumentieren nur mit den Muskeln. Wir sagen ihnen: Wenn ihr einen Krieg wollt – bitte sehr, kommt wieder vorbei. Wir haben keine Angst. Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, Ilham Alijew zu sein. Ich würde schon morgens, wenn ich aufstehe, sagen: Ich liebe die Armenier! Michail Saakaschwili zum Beispiel, der georgische Staatschef, mag ein wenig extravagant sein, aber er macht es richtig. Er spricht von „unseren abchasischen und ossetischen Brüdern“, er bietet ihnen etwas an. Aber die Aserbaidschaner – ich sehe derzeit keine Möglichkeit, irgendein Abkommen mit ihnen zu erreichen. Wir haben keinen gemeinsamen Weg mit Aserbaidschan.

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Arkadi Gukasian (49), ein früherer Journalist, ist seit 1997 "Präsident" der international nicht anerkannten Republik Nagorny Karabakh (Berg-Karabach), im Südosten des Kleinen Kaukasus. Seine zweite Amtszeit endet 2007, er strebt keine Wiederwahl an. Die mehrheitlich armenische Enklave war 1923 auf Stalins Anweisung der Sowjetrepublik Aserbaidschan als autonome Region zugeschlagen worden. Mit Unabhängigkeitserklärungen der Karabach-Armenier und pogrom-ähnlichen Ausschreitungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen von 1988 an begann der Zerfall der Sowjetunion.

Den Krieg um Karabach von 1991 bis 1994 verlor Aserbaidschan. Im Sommer 2006 legten die OSZE-Vermittler Russland, USA und Frankreich einen Vorschlag für die Beilegung des Konflikts vor. Er sieht die Rückgabe der besetzten Gebiete rund um die Enklave an Aserbaidschan vor, die Öffnung von Wirtschaftswegen für Armenien und eine internationale Militärpräsenz; die Statusfrage bleibt ähnlich wie im Kosovo zunächst ausgeklammert. Berg-Karabach ist wirtschaftlich und militärisch von Armenien abhängig und zählt heute etwa 165.000 Einwohner. (von Markus Bernath, 10.12.2006)

  • Arkadi Gukasian, "Präsident" von Berg-Karabach
    foto: markus bernath

    Arkadi Gukasian, "Präsident" von Berg-Karabach

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    foto: markus bernath
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