The Book of Daniel: "Songs for the Locust King"

    14. Jänner 2007, 19:29
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    Ein Album für alle aus dem Nest Gefallenen, vom Kleinstadtleben Vernarbten und ein inneres Feuer Hütenden

    I've tried the hokus pokus
    they teach you when you're young
    that if you fall out of the nest
    you better pick yourself up
    but honey, I'm not a man, I'm a bird.

    Zunächst mal: Nein! Es ist keineswegs so, dass die Wimp-Quote unter schwedischen Männer höher wäre als hierzulande. Eher im Gegenteil: die Vorgaben, wie "ein echter Mann" so zu sein habe, sind bei uns vergleichsweise kulant. - Dass uns trotzdem am laufenden Meter schwedische Songwriter begegnen, die sich nicht scheuen Gefühle und Schwächen zu zeigen (Beispiele: Jens Lekman. Pelle Carlberg. Björn Kleinhenz. Boy Omega.), ist also entweder ein seltsamer Zufall - oder die Musik wird genutzt, um die gefühlte Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu verarbeiten. Wer keine solche Diskrepanz spürt, kann ja bei Mando Diao mitjohlen ...

    Daniel Ingemar Gustafsson, 30 Jahre alt, hat sich relativ lange Zeit gelassen, mit seinen zu Songs gewordenen Gedanken an die Öffentlichkeit zu gehen. In der Zwischenzeit sind einige der Leute, die mit ihm an Homerecording Sessions gearbeitet haben, längst als Musiker etabliert; nicht zuletzt sein kleiner Bruder Martin alias "Boy Omega".

    I've got a fire, it just has to be lit!

    Die lange Wartezeit aufs nun erschienene Debüt "Songs for the Locust King" hat aber den Songs gutgetan: die zehn enthaltenen Stücke sind allesamt komplexe Kompositionen, zur Hälfte Balladen, zur Hälfte im Midtempo gehalten. Songwriting an der Gitarre - manchmal am Piano - bildet den Grundkern; darum ranken sich dann jazzige Arrangements mit Begleitchor, Streichern und Bläsern. Zu seinen Vorbildern zählt Daniel neben Rufus Wainwright und Tom Waits ja nicht zuletzt auch Miles Davis. Mehr noch als die Trompete prägt aber das Saxophon die Songs ("Dream on, wildhead", "Hokus Pokus") und verleiht ihnen eine traurige Blautönung ... zumindest alle mit New Wave Sozialisierten dürfte der Instrumenteneinsatz an die Ära vor einem Vierteljahrhundert erinnern, als gepflegte Düsternis in den Pop eingezogen war.

    Und melancholisch bis düster ist auch die Grundstimmung des Albums, das sich mehrheitlich ums Verlassen(werden) dreht, vom anfänglichen "Early morning prayer" bis zum abschließenden "Halleluja". Dazwischen liegen typische smalltown stories: die nie verblassenden Narben vom allgegenwärtigen Schulmobbing ("Paper birds"), das Gefühl eingesperrt und zugleich gehetzt zu werden ("Rabbit boy"; vielleicht das beste Stück des Albums) und der Traum vom Trotzdem-Träumen-Dürfen: now dream on wildhead, dream on, there's a starfall sleeping next to you.

    I stabbed my muse with a pencil and left her bleeding ...

    Auch die Kunst des Textens konnte Daniel in der langen Zeit des nicht-öffentlichen Musikschreibens verfeinern. Er schafft immer wieder sprachliche Bilder, die weit von 0815-Wortwahl entfernt sind, Aufmerksamkeit erzeugen und den Hörer in die Songs hineinziehen. Selbst wenn man bei manchen der besagten smalltown stories froh wäre außen vor zu bleiben.

    Aber wie gesagt: hier geht es um den Clash zwischen den von außen aufgepressten Ansprüchen und den eigenen Wünschen. - Den Widerspruch könnte man trotzig herausbrüllen und zum Punk werden. Daniel ist aber nicht so offensiv angelegt - beim obligatorischen Eishockeyspielen war er natürlich immer mit dabei. Aber er stand im Tor.
    (Josefson)

    • The Book of Daniel: "Songs for the Locust King" (Riptide Recordings/Cargo Records 2006)
      coverfoto: riptide recordings

      The Book of Daniel: "Songs for the Locust King" (Riptide Recordings/Cargo Records 2006)

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