Zuerst die Raucher, jetzt die Dicken: Wie man von einem Menschen mit Laster zur Bedrohung für die gesundheitsbewusste Gesellschaft wird - Eine Erzählung
"Nur du bist ein Risikofaktor", und ich sage, jawohl, ein richtig fetter Risikofaktor, der auf Krankenversicherung und Altersvorsorge und staatliche Cannabisprophylaxe verzichtet. Eine Erzählung von Paulus Hochgatterer.
Seit einiger Zeit stehe ich am Morgen um Viertel nach fünf auf. Das hat nichts mit meiner reduzierten Beweglichkeit zu tun, sondern einzig und allein mit der Langsamkeit, in der ich frühstücken möchte. Außerdem gehört mir auf diese Weise die Wohnung ganz allein, für eine knappe Stunde zumindest. Keine Eltern, keine Schwester; nur die Fische im Aquarium schauen dich an und denken sich was. Gestern habe ich die Waage getauscht. Die alte hat "120+" angezeigt. Ein kleiner Triumph, eine Zwischenetappe auf dem Weg nach oben. Zur Belohnung habe ich mir im Badezimmerspiegel freundlich zugelächelt. Das Display der neuen Waage ist leuchtend blau. Das irritiert mich ein wenig.
Warum ich inzwischen so fett bin, ist leicht erklärt. Es hat mit dem Ausstieg aus dem Programm zu tun. Natürlich gibt es Leute, die sagen, die Sache mit dem Programm bilde ich mir nur ein und überhaupt bin ich ein Fall für die Klapsmühle; denen entgegne ich dann: "Was gestern noch Phantasie war, ist heute Realität. Das war immer schon so!" Sie denken vermutlich: "Aha, er ist sich selbst nicht sicher!", und ich sehe, wie sie alle drinstecken bis zum Kragen und nicht die Spur einer Ahnung haben.
Tisch decken
Ich decke den Tisch, fein säuberlich mit dem bunten, italienischen Porzellan, Untertasse grün, Tasse blau, Teller ziegelrot. Meine Schwester nimmt immer alles in Gelb. Das passt zu ihr. Sie ist so ein gelber Mensch. Während jeder Mahlzeit steht sie zirka zwanzigmal auf und hopst herum. Dazu singt sie Lieder von Robbie Williams. Auf Dauer hält das keiner aus.
Kakao, Orangensaft, Toast, ein kleiner Briochezopf, den ich mir im Rohr aufbacke, Rührei. Mein Rührei mache ich ganz speziell, aber das erzähle ich vielleicht später. Auf der Straße fährt ab und zu ein Auto vorbei, sonst ist es still. Nicht einmal die Amsel, die auf der Balkonbrüstung landet, sagt etwas. Anfang Dezember gehört das so, – draußen ist es finster, und die Amseln sprechen nicht mit dir.
Hütte im Wald
In einigen Jahren, wenn ich das alles durchgezogen habe und aus dem Programm ausgestiegen bin, werde ich um diese Jahreszeit in meiner Hütte sitzen, mitten in einem dieser Wälder, von denen keiner annimmt, dass jemand freiwillig drin wohnt, in Saskatchewan oder auf der Halbinsel Kola, und werde Rebhühner essen und Bohnen aus der Dose. Die wenigen Leute, die von mir wissen, werden sich vielleicht fragen, ob ich Bomben baue oder die Leichen junger Frauen vergrabe, und ich werde einfach nur dort sein und darüber nachdenken, worauf es wirklich ankommt.
Familie
Wenn knapp vor halb sieben meine Familie auftaucht, wird es ungemütlich. Mein Vater setzt sich keine Sekunde hin, und meine Mutter versucht mit gereiztem Blick zu rekonstruieren, was ich alles gefrühstückt habe. Wobei ich sagen muss, dass sie dieses "Du frisst uns arm!" sein lässt, seit wir getrennte Vorräte haben. Auf die Frage, woher das Geld für meine Einkäufe stammt, habe ich gesagt: "Von Nachhilfestunden", und auch damit war sie zufrieden.
Streitsubjekt
In der Straßenbahn passiert es mir seit einiger Zeit, dass mir die Leute einen Sitzplatz anbieten. Das fühlt sich komisch an, wenn du vierzehneinhalb bist, und die anderen sind zumindest dreimal so alt. Zuletzt sind zwei Frauen meinetwegen sogar in Streit geraten. "Er soll weniger essen", hat die eine gesagt, und die andere: "Ja, sehen Sie nicht, dass er eine Stoffwechselstörung hat!?", darauf die erste: "Ha, das schau ich mir an, der und ein Stoffwechsel!", und die andere: "Sie sind eine herzlose Person!" Ich hocke mich einfach hin, ohne Worte und mit gesenktem Kopf, denn so etwas ist nicht lustig, ganz egal, ob du einen Stoffwechsel hast oder nicht.
Fabian
Der Einzige, mit dem ich vernünftig über das Programm reden kann, ist Fabian. Er hat den Platz rechts neben mir und interessiert sich für Weiße Zwerge und gesteinsbildende Silikate. "Du bist eine irregulär kristalline Masse mit oben einem Kopf und unten dem Gang eines Außerirdischen", sagt er, und dann sage ich, Letzteres liegt daran, dass ich mir in einer Phase, in der ich noch vorhatte, das Programm auszutricksen, blöderweise angewöhnt habe, die Schuhsohlen dezentral zu belasten. "Wegen der Mini-G-Card?", fragt er, und ich sage ja, weil die Mini-G-Card, die seit der Programmeinführung in jeden zugelassenen Schuh eingearbeitet sein muss, mitten über dem Fußgewölbe sitzt und das Gewicht misst, und ich der Meinung war, wenn ich den Fuß über der Innenkante belaste, zeigt sie falsch an. "Und jetzt hast du X-Beine", sagt Fabian, und ich sage ja, zumindest vorübergehend.
Er schaut zufrieden, und dann kommt diese Sequenz zwischen uns, die in ihrer Stereotypie mehr wie Zähneputzen ist oder wie Adventkranzkerzenanzünden. "Gelt, Essen ist super?", fragt er. Ich sage ja, und er sagt: "Aber Sex ist noch superer." Darauf sage ich, dass er sich verhält wie ein typischer Wissenschaftler: Wenn ihnen die unmittelbare Anschauung fehlt, stellen sie irgendeine Theorie auf. Er lacht und sagt, ich muss mir keine Sorgen machen, er hat mein exzessives Essen noch nie als Triebbefriedigungssurrogat aufgefasst, sondern immer als die Darstellung einer ideologischen Position, als Essen gegen das System gewissermaßen. „Essen gegen das Programm“, sage ich dann, und er fragt mich, woher ich das Programm eigentlich so gut kenne. "Von meinem Onkel." "Wieso von deinem Onkel?"
Ich erzähle, dass mein Onkel Verfassungsjurist ist und über alle wichtigen Gesetzesdinge perfekt Bescheid weiß, unter anderem darüber, wer ins Programm kommt und wer nicht, und dass im Grunde erst einmal alle ins Programm kommen, denn den Menschen drängt es von Natur aus nach der Gemeinschaft, und der Gemeinnutzen ist im Streitfall immer höher zu bewerten als der Individualnutzen. So sagen zumindest die Wirtschaftskammer und die Sozialversicherung, und die müssen es wissen, denn sie haben das Programm erfunden. Da das Gesetz per definitionem keine Willkür kennt, also auch das Programm nicht, müssen Risiko und Nutzen operationalisierbar gemacht werden, sagt mein Onkel, und dafür gibt es neben der Nanotechnologie die Formel. Die Formel stellt sicher, dass nur derjenige aus dem Programm eliminiert wird, bei dem das Risiko den Nutzen überwiegt. "Nur die wirklich Nutzlosen und die echten Risikofaktoren fliegen hinaus", sage ich, Fabian sagt: "Wir an dieser Schule sind alle Nützlinge, nur du bist ein Risikofaktor", und ich sage, jawohl, ein richtig fetter Risikofaktor, der auf Krankenversicherung und Altersvorsorge und staatliche Cannabisprophylaxe verzichtet und, seit er die Formel kennt, nur ein Ziel hat, und dieses Ziel liegt mitten im Wald.
Vacherin
Irgendwann steht dann Reif in der Klasse und holt mich an die Tafel. Er tut das ständig, obwohl er weiß, dass ich in Mathematik besser bin als er. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass er selbst es schick findet, diese Fünf-Hauben- oder Drei-Sterne-Kreationen zu sich zu nehmen, die mehr Medikamente sind als Nahrungsmittel. Meine Auffassung von Essen scheint ihn jedenfalls zu bedrohen. Ich stehe dann da, rechne zum Beispiel ein Kreisintegral, und er sagt: "Laurenz, du siehst aus wie ein Vacherin, der eine Woche über der Zeit ist." Als ich darauf nicht antworte, fragt er: "Weißt du überhaupt, was ein Vacherin ist?" Ich sage immer noch nichts und stelle mir vor, wie bei Reif alles am richtigen Platz sitzt: In seiner rechten Schlüsselbeingrube, direkt unter der Haut, der I-Chip, über den sämtliche Sende- und Empfangsvorgänge laufen, in seinen beiden unteren Hohlvenen die Biosensoren für die Blutbefunde, Triglyzeride, Gamma-GT, und so fort, und in seiner Harnblase der Suchtmitteldetektor. Er hat von all dem und davon, wie das Programm sein Leben bestimmt, nicht die geringste Ahnung.
"Ein Vacherin ist ein runder, französischer Weichkäse", sagt er, "der mit jedem Tag mehr auseinander läuft. Irgendwann fängt er an zu stinken." Ich mache den Schwamm feucht, lösche das Kreisintegral von der Tafel und schreibe groß hin: KG = IQ. "Was soll das sein?", fragt Reif, und seine Abneigung schwappt schmutzig an mir hoch. "Die Formel für den Vacherin", sage ich. Dann drehe ich mich um und gehe.
Wenn dein Körpergewicht zumindest gleich hoch ist wie dein Intelligenzquotient, fliegst du aus dem Programm, so ist es. Das klingt nicht allzu schwierig, aber bei den Leuten, die in so eine Schule gehen wie ich, kommen da einige Kilos zusammen. "Du kannst immer noch so lange mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis du zweistellig bist", sagt Fabian, aber das ist keine wirklich sympathische Variante.
Hütte im Wald
Ich gehe langsam in Richtung Zentrum. Manchmal schaut mich jemand kurz an. Möglicherweise fällt demjenigen auf, dass ich vorne die Jacke nicht mehr schließen kann. Mir ist das egal. Es beginnt zu schneien. Ich denke an meine Hütte im Wald, an einen schwarzen Holzofen und an Bohnen aus der Dose. Jetzt könnte ich vielleicht erzählen, wie ich mein Rührei mache, aber es freut mich nicht. Nur so viel: Gewürfelte Tomaten sind drin und eine Chilischote. Hintennach spüre ich jedenfalls, wie diese angenehme Spannung von innen gegen meine Hülle drückt, oben und unten und bis in die Finger hinein. Für einen Moment weiß ich genau, wer ich bin. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2006)
Zum Autor: Paulus Hochgatterer ist Schriftsteller und Kinderpsychiater. Er lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Die Süße des Lebens" im Verlag Deuticke.