Gegen Klischees von Kirche, Sex und Gewalt

3. Jänner 2007, 14:39
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Rotraud Perner in ihrem neuen Buch: Zölibat nicht schuld an Übergriffen, Priester immer öfter Stalking-Opfer

Wien - Kirche, Sex und Gewalt - immer wieder ergeben diese Ingredienzien fette Schlagzeilen. Etwa in der Missbrauchsaffäre um Kardinal Hans Hermann Groër oder in der Causa um Kinderpornos im St. Pöltener Priesterseminar. Dem Aufdecken von Skandalen folgt aber selten Aufarbeitung und auch Erklärungsversuche bleiben oberflächlich. Mit ihrem neuen Buch "Die Wahrheit wird euch frei machen" will die Juristin, Pädagogin und Psychotherapeutin Rotraud Perner Klischees korrigieren sowie Behandlung und Prävention aufzeigen.

Unfähigkeit, richtig mit sexueller Energie umzugehen

Nicht, wie oft populistisch behauptet, der Zölibat sei schuld an sexuellen Übergriffen von Geistlichen, sondern mangelndes Wissen und die Unfähigkeit, richtig mit sexueller Energie umzugehen. "Jeder Autofahrer weiß, dass er sein Tempo Wetter- und Fahrbahnverhältnissen anpassen muss. Was er meistens nicht so gern wahrnimmt, ist die eigene Fahrtüchtigkeit. Und es gibt Fahrverbote", so Perner.

Genauso verhalte es sich im sexuellen Umgang: "Man muss äußere und innere Umstände wahrnehmen und sich anpassen können, sonst gehört man aus dem Verkehr gezogen." Perner unterscheidet drei Tätertypologien: "Unaufgeklärte", bei denen oft ein respektvolles Gespräch genüge; "Verbitterte", die selbst Schlimmes erlebt haben und ihre Hilflosigkeit auf Opfer projizieren. In diesen Fällen sei immer psychotherapeutische Hilfe notwendig. Und "Sadisten", die so schwer traumatisiert sind, dass eine Heilung durch klassische Psychotherapie als ziemlich unwahrscheinlich einzuschätzen sei. Perner weist auch ausdrücklich darauf hin, dass Geistliche immer öfter Opfer von Übergriffen und von Stalking werden. (simo, DER STANDARD Printausgabe 7.12.2006)

Rotraud Perner: "Die Wahrheit wird euch frei machen. Sexuelle Gewalt im kirchlichen Bereich und anderswo", Gezeiten-Verlag, Wien 2006
  • Perner unterscheidet drei Tätertypologien: "Unaufgeklärte", "Verbitterte" und "Sadisten".
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    Perner unterscheidet drei Tätertypologien: "Unaufgeklärte", "Verbitterte" und "Sadisten".
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