Grappa für die Szene

23. April 2007, 13:52
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Die Möbelmesse "Interieur" in Belgien wird in der Szene als willkommene Abwechslung zu den Events in Mailand oder Köln wahrgenommen

Die belgische Möbelmesse "Interieur" in der unscheinbaren Stadt Kortrijk gilt in der Branche als schönste Möbelmesse - mit Sicherheit ist sie die entspannteste. Immer bleibt Zeit für einen Plausch mit Kollegen, Kunden, Interessierten. Eine Italienerin von B & B bringt es auf den Punkt: "Man muss nicht zwei Kilometer gehen wie in Mailand oder Köln, um das beste zeitgenössisches Design versammelt zu sehen." Sieben Hallen mit 350 Ausstellern von A wie Agape bis Z wie Zanotta sind zu durchwandern.

50 Prozent der Messebewerber, erzählt ein Aussteller, bekommen in Kortrijk keinen Stand, deshalb sieht man viele etablierte Firmen wie die italienischen und viele belgische Platzhirsche, die einem andernorts nicht gerade häufig über den Weg laufen.

Doch auch für Nichtetablierte gibt es Raum: Im Untergeschoß, das sich auf den zweiten Blick als Etage eines Parkhauses entpuppt, findet sich Jungdesign vor allem aus Europa.

Reduziert und ökonomisch

Groß präsentiert wird in Kortrijk der belgische Designer des Jahres, Alain Berteau, der vor allem für die Firma Montis interessante Sitzlösungen geschaffen hat - reduziert im Design und ökologisch im Materialverbrauch. Wie sein hockerartiges Möbel "Coverstool", der in einer mehreckigen Pappschachtel Platz findet: Schachtel aufklappen, Schaumstoff und Bezug herausnehmen, über die Pappe drapieren, fertig.

Weil auf der Interieur alles so überschaubar, gerade familiär daherkommt, werden auch flugs und unkompliziert Geschäfte gemacht. Annette Hinterwirth aus Wien, die bei den Jungdesignern einen Preis entgegennehmen durfte, kam in Kontakt mit Thomas Bene, der auf Messen gerne nach Talenten für seine Büromöbel sucht. Auch andere österreichische Firmen wie Zumtobel setzen auf den Nachwuchs: Der Leuchtenhersteller verlinkte sich für Kortrijk mit Architekturstudenten der Hochschule Sint-Lucas aus Gent, die einen künstlerisch angehauchten Werbespot für die Lichtobjekte entwarfen. Zumtobel stellte zuletzt vor sechs Jahren auf der Biennale aus, "doch jetzt hat die Interieur wieder mehr Bedeutung für uns gewonnen", sagt Lichtberaterin Linda Knockaert.

Holzchalets mit Sichtsperre

Dem Besucher fällt vor allem viel Schwarz und kaum weniger Weiß auf - bis auf wenige Ausnahmen wie Cappellini und Moroso im Wohnzimmer oder Bene mit knallig-grünen Bänken mit Touchscreen im Arbeitszimmer setzt kaum ein Möbelhersteller auf bunte Farbtupfer.

Dafür sorgte dann nicht zuletzt Alfredo Häberli. Jeder Ehrengast darf eine Ausstellung bespielen, und der diesjährige stellte Schweizer Design der vergangenen Jahrzehnte in Holzchalets mit Sichtsperre zusammen - und seine luftig-farbigen Designs für Alias & Co in offenen Holzverschalungen. Da stehen etwa seine Iittala-Vasen zu Kegeln drapiert und mit einer Bowling-Kugel vervollständigt, und die Messehostessen laufen in Camper-Schuhen herum, bei denen Häberli den Unterschied zwischen links und rechts aufgehoben hat.

Spätestens dann beginnt man zu verstehen, was Häberlis Kollege James Irvine einmal als Besonderheit an Kortrijk beschrieb: "Im Vergleich zu den anderen Messen, die wie einfacher Wein sind, ist die Interieur der Grappa." (Mareike Müller/Der Standard/Rondo/07/12/2006)

  • Holzchalet von Messe- Ehrengast Alfredo Häberli
    kortrijk xpo belgium

    Holzchalet von Messe- Ehrengast Alfredo Häberli

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