Schräglage

4. April 2007, 11:42
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Die zwei Designer von "Atypyk" sind die schrägsten Vögel der Szene - Mit ihren Produkten schaffen es die zwei Franzosen ins New Yorker MoMA ebenso wie in die Beschwerdeschubladen von Paragrafenreitern

Den Kätzchenmaler mit seinem streichelweich gepinselten Horror muss man links liegen lassen, samt Staffelei und Place du Tertre. Für die Jongleure und Rapper, die die Stufen vorm Sacre Coeur als perfektes Amphitheater zu nutzen wissen, gilt dies ebenfalls. Monsieur Ivan unterhält seinen Showroom nämlich einige Gassen tiefer, wo sich der Montmartre vom Pseudo-Künstlerzirkus längst in ein normales Pariser Viertel zurückverwandelt hat.

Monsieur Ivan blickt beim Morgentermin nach unten. Und weil Paris ja auch die Stadt der Liebe zum Kaffee ist, blickt er dabei in eine Tasse. Ivan Duval, fünfzig Prozent des Designer-Duos von Atypyk, hätte statt irgendeiner Tasse aber auch das selbst entworfene "Fortune Geschirr" verwenden können, eine Schale, die das alte Ritual des Kaffeesud-Lesens aufgreift. Statt irgendwelcher Kaffesatz-Schnörkel taucht am Boden der "Fortune"-Tasse nämlich eine klare, lesbare Ansage auf. "Happy in love" könnte diese lauten. Oder "Nervous breakdown". Was der Kaffeesatz verheißt, bestimmt in diesem Fall der User selbst: Unter zwanzig verschiedenen Botschaften kann man wählen.

Die Tasse mit der vorgeprägten Kaffesatz-Message ist ein typisches Beispiel für die Arbeit der Pariser Ideen-Schmiede Atypyk. Und sie ist auch typisch für die prinzipiell positive Grundhaltung der beiden Entwerfer Ivan Duval und Jean Sebastien Ides. Den Tag mit einer Prophezeiung nach eigener Wahl zu beginnen, das hat schon seine Vorteile. Dass Produktgewährleistung in diesem Fall nicht immer greift - geschenkt. Doch um Sprüche geht es jetzt, an diesem Morgen, am Fuße des Montmartre, im Atypyk-Showroom an der Rue Lambert 17 nicht. Stattdessen führen wir im Moment ein - man kann es nicht viel anders sagen - echtes Scheißgespräch. Was ziemlich wörtlich zu nehmen ist. An Ivan liegt es nicht. Der plaudert wie ein Wasserfall, leicht, sprudelnd, klar:

Extraordinäres Exkrement

"Lucky Dog Shit - from the famous streets of Paris" heißt das fast wie eine Instant-Nudelsuppe in Kunststoffbechern verpackte Geschenk, und es geht nicht eben schlecht weg. Reger Vertrieb erfolgt in zahlreiche Länder, in Japan ist man ganz verrückt nach dem extraordinären Exkrement. Auch wenn der lokale Importeur gerade wieder einmal ziemlich schwitzt, der Behörden und Vorschriften wegen. Inseln sind anders und auch Zöllner ja schließlich nur Menschen, und so musste man erst gestern wieder einmal an der Zolldeklaration feilen.

Überrascht war man bei Atypyk über die rege Nachfrage allerdings nicht. Immerhin ist es ein Produkt auf der Höhe der Zeit: "Erstens: 100 Prozent Recyling", zählt Ivan auf und blickt dabei mit durchaus adäquater Gutmenschen-Miene vom zweiten Morgenkaffee auf. "Zweitens: Der praktische Wert ist unübersehbar. Entscheidend ist, lediglich der Anleitung zu folgen: Du musst nach dem Öffnen mit dem linken Fuß hineintreten, keinesfalls mit dem rechten!" "Außerdem . . ." - und ein bisschen Schmunzeln kann sich Monsieur Ivan nun doch nicht verkneifen - ". . . haben wir einem Ding, auf das alle Welt verächtlich hinabsieht, zu einer Aufwertung verholfen."

Das wurde mit einer Gründlichkeit angegangen, die auf den ersten Blick die beruflichen Anfänge der beiden Atypyk-Designer - sie wurzeln in der Werbebranche - verrät. Eine eigene Sektion auf ihrer Homepage widmet sich dem Thema, mit Informationen zur Sammelflotte, zum Bau der Dogshit-Factory in klassischer Hundehütten-Architektur. Über einen "Shit von Paris-Fanclub"-Button können sich Interessierte gar die eigene Fanclub-Membercard downloaden.

Die Kaffeetasse mit der verlässlichen Prophezeiung im Sud, das Stück Glück, in das man treten kann, wenn es einmal echt eng wird - das wären schon zwei Beispiele zur Untermauerung des Verdachts, dass Atypyk in der Tat Atypisches abliefert. Oder sagen wir lieber: Ideen fokussiert, aus denen später innovative Produkte werden.

Produkte für den zweiten Blick

Rund hundert Beispiele dafür stehen mittlerweile zur Auswahl, und fast immer handelt es sich dabei um Produkte, die, anders als herkömmliche Shopping Mall-Gimmicks, einen definitiv hintergründigen Humor, etwas mitunter subversiv Angehauchtes, zumindest aber Atypisches inkludieren - Produkte für den zweiten Blick eben. "Daher fühlen wir uns in Museums-Shops besonders wohl, wo allein der Ort die Menschen auf eine verschlüsselte Semantik sensibilisiert", sagt Ivan und schiebt einen Brocken Gold über den Tisch - als Beschwerer flatternder Notizen. Der größte Nugget, der in der Geschichte der Schreibtisch-Schublade je gefunden wurde, besteht tatsächlich aus echtem Gold - zumindest an der Oberfläche. Genau dort halten sich die beiden Atypyk-Gründer, die sich mehr als Label denn als Signaturdesigner verstehen und die mitunter irreführend als französisches Pendant zum experimentellen niederländische Design-Lab Droog Design bezeichnet werden, aber in den seltensten Fällen auf. Für Oberflächenverhaftetes beinhalteten zu viele Atypyk-Produkte denn auch zu viel Ironie, ferner eine zu genaue Sicht auf Verhaltensweisen und die kleinen Rituale des Alltags - die dann oft mit verblüffenden Antworten konterkariert werden. Stylische, schwarze Konfettis und "Do Disturb"-Schilder lavieren so auch gekonnt zwischen steifem Zeremoniell, Spaßgesellschaftsritual und mitunter unfreiwillig ausgefasster Isolation - psychologischer Tiefgang verbirgt sich dahinter allemal.

Klar, auch pure Gags haben Atypyk im Repertoire: Badetücher etwa, die dank schlichter, kleiner Löcher nach erfolgter Mitternachtsdusche zur Geister-Einlage herangezogen werden können. Lollipops im Schraubenzieher-Look mit Kirschgeschmack. Oder Regenschirme, die sich wie aus der Pistole geschossen öffnen - und deren Griff konsequenterweise einen Abzugshahn besitzt.

Funktional und doppelbödig

Mitunter leiten Atypyk den Nutzer aber auch selbst zur Herstellung von Produkten an. Unentgeltlich natürlich, wie es sich für atypysch denkende Designer ja auch gehört, setzen sie der löchrigen Copyright-Bastion der Wirtschaftswelt dann ihre Copyleft-Idee entgegen, eine ideale Trainingsanleitung zur Veränderung eincodierter Sehgewohnheiten. Manche der via Website - Atypyk - vorgestellten Do-it-yourself-Überarbeitungen mögen funktional sein, aber vor allem haftet ihnen etwas Dop- pelbödiges an: die Cola-Flasche als Zuckerstreuer, das Fruchtgummi-Krokodil als Label-Ersatz auf dem T-Shirt, die zum Kerzenhalter umfunktionierte Mehrfachsteckdose - ohne kritische Distanz, so kann man die dahinter verborgene Kernbotschaft deuten, steht auch die Welt der Dinge still.

Für ähnliche Konzeptarbeiten werden Atypyk mitunter vom Paragraphenreiter verfolgt (strafbare Übermalung von Dollarnoten!) oder aber ins MoMA gehypt. Letzteres verdanken sie einer Überarbeitung von PEZ-Figuren, die bekannten Ikonen der Konsumkultur eine zweite, inhärente Identität verleihen: Mickey Mouse mit Sprengstoffgürtel oder als Ku-Klux-Klan-Mitglied, E.T. mit fülliger Lockenpracht, Donald als Hardcore-Unglücksente mit Hunderternagel im Kopf.

Nicht jede Idee wird ein Produkt, und mitunter liegt es an der Dimension. Als Beispiel deutet Ivan auf das Poster hinter seinem Schreibtisch: Das Werk eines Sträflings ist da zu sehen, im Stil den Arbeiten des katalanischen Malers Antonio Tapies nicht unähnlich. Es könnte aber auch ein echter Joe Dalton sein: eine riesige Liste zum Ausstreichen der aufgebrummten Tage, elf Jahre insgesamt, aber wer will schon so lange absitzen? Was als Entwurf originell wirkte, erschlug die Betrachter im Original, also blieb der Sträflings-Kalender ein Prototyp. Auch die Atypyk-Designer haben erst zweieinhalb Jahre davon geschafft, noch nicht einmal tausend Striche. Exakt so lang sitzen sie hier am Fuße des Montmartre - und buddeln unermüdlich Fluchtwege in Sachen freies Design. (Robert Haidinger/Der Standard/Rondo/07/12/2006)

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