Ein Fahrrad, ich und ein Haftbefehl. Unser Leser Christoph S. hat unangenehme Bekanntschaft mit der New Yorker Polizei gemacht
Eine "Summons" zu erhalten kann, wenn man sich nicht richtig verhält, einiges an Problemen nach sich ziehen, wie unser Leser Christoph S. in seiner Geschichte zu berichten weiß. Wer einige grundlegende Punkte beachtet und sich an gewisse Regeln hält erspart sich das langwierige und manchmal kostspielige Prozedere.
+ + +New York City, Brooklyn, März 2006, Freitag, wunderschönes Frühlingswetter.
Ein optimaler Tag für eine Radtour nach Coney Island ans Meer im Süden New
York Citys.
Gesagt getan - die Erste. Ich radle von Brooklyn schnurgerade in den Süden. Die
Hauptstraßen sind stark befahren, Radweg gibt es keinen. Manchmal sehe ich
andere Radfahrer - diese fahren häufig am Gehsteig - das scheint also in
New York üblich zu sein. Als das Meer schon zu sehen ist, beschließe
ich, dem starken Verkehr aus dem Wege zu gehen und im Schritttempo den
Gehsteig zu befahren.
Wie ich heute weiß, habe ich Uncle Sam so richtig beleidigt...
Denn eine Streife des New York Police Departments (NYPD) hat mich "erwischt".
Lustigerweise sind gerade drei Jugendliche auf dem Gehsteig vor mir gefahren,
als der Streifenwagen anhält und die Polizistin zu winken beginnt.
"What's wrong?" fragen die Jugendlichen verwundert. "Not you - the big guy in the
back" antwortet die Polizistin und meint damit offensichtlich mich. "Do you speak
English?" fragt mich die Dame als sie anhand meines Reisepass erkennt,
dass ich Ausländer bin. Ich erkläre, dass ich das erste Mal in New York bin und
dachte, dass Fahren am Gehsteig erlaubt sei, dass mein Urlaub bald zu Ende ist
und Europa mich wieder braucht. "Do you know what a 'summons' is? - because
this is your first." Keine Ahnung, deshalb hielt ich das rosarote Papierchen, das
mir die Damen aus dem Fenster reichten, für ein Strafmandat. Während ich mir
noch dachte:"Ärgerlich, dumm gelaufen, aber bezahlen wir halt die Strafe", sind
die beiden Polizistinnen verschwunden und haben mich voller Fragen stehen
gelassen.
Wieder zuhause im Hotel hab ich das Internet befragt und herausgefunden, dass
'summons' Gerichtsvorladung bedeutet - das Datum auf dem 'summons' war also
als Gerichtstermin zu verstehen. Allerdings lag der Gerichtstermin einen Monat
nach meiner Abreise. Also gleich ab zur NYPD-Station nebenan und um Rat
gefragt. "Take this serious and go to the courthouse to ask for instructions."
Gesagt getan - die Zweite. Am Eingang des Gerichtshauses am Broadway in
Manhattan steht ein Wachmann, dem ich gleich vertrauensvoll meine Geschichte
erzähle und um Rat bitte. "Put 50 $ in an envelope and send it together with the
summons to the court." Diesmal bin ich hartnäckiger und frage mehrmals nach,
denn um 50 $ von mir zu kassieren wäre der ganze Zirkus bisher nicht nötig
gewesen. Eine Gerichtsbedienstete hört die Unterhaltung, entschwindet dann in
einem Raum und kommt mit des Rätsels Lösung wieder heraus:"Send a letter with
your story and attach the summons, a copy of your tickets and passport". Ein
Gespräch mit einem Richter sei 'not possible'.
Gesagt getan - die Dritte. Also sende ich den Brief und harre der Dinge. Als mich
sechs Wochen danach die Antwort des Gerichts in der Heimat erreichte, hatte ich
die Sache eigentlich schon vergessen. Der ausgefüllte Vordruck mit einer neuen
Vorladung zu einem Gerichtstermin, der schon bei Empfang des Briefes
Vergangenheit war, hat mich zu der Annahme verleitet, dass meine seitenlangen
Ausführungen und Erklärungen das Gericht überfordert oder nicht interessiert
haben.
Ich kürze die weitere Beschreibung nun ab: Es folgten weitere Briefe an das
Gericht mit noch mehr vorausgefüllten Formularen zu weiteren Gerichtsterminen
ohne jegliche Erklärungen. Dass ich nicht eigens nach New York reisen kann, hat
nicht interessiert, meine Angebote die Sache auf anderem Weg, etwa über die
Botschaft zu lösen, wurde ebenfalls mit keiner Zeile vom Gericht gewürdigt.
Also habe ich mich mit der österreichischen Botschaft in New York in Verbindung
gesetzt. "Nehmen Sie sich einen Anwalt in New York, anbei eine Liste der
deutschsprachigen Anwälte New Yorks."
In meinem Sommerurlaub in Madrid wollte ich persönlich zur US Botschaft, die
mir aber den Zutritt verweigert hat. Auch telefonisch war dort niemand zu
erreichen. Also bin ich zur österreichischen Botschaft in Madrid gegangen. Die
sehr nette Dame am Empfang hat dann die US Botschaft Madrid angerufen, wurde
aber ebenso abgewimmelt wie ich. Die österreichische Botschafterin konnte ich
dann auch sprechen. Auch Sie wollte mir eine Liste der deutschsprachigen
Anwälte in New York geben. Übrigens die Liste ist frei zugänglich im Internet auf
den Seiten des Außenministeriums zu finden.
Schließlich habe ich die US Botschaft in Berlin und das US Konsulat in Wien
angeschrieben. Aus Berlin antwortete das FBI: Es liegt ein Haftbefehl wegen
Fluchtgefahr gegen mich in New York vor. Aus Wien "bedauert man meine
unangenehme Erfahrung, kann aber leider nicht helfen, denn die Botschaft ist
schließlich nicht für die Gerichtsbarkeit in New York zuständig."
Wer auf Nummer Sicher gehen will, sollte über den Abschluss einer geeigneten
Rechtsschutzversicherung nachdenken - die hätte sich in meinem Fall aus
Kostengründen schon mehrfach rentiert. (Christoph S.)