Aids: Arme ohne Hoffnung

9. Juli 2000, 21:47

Konferenz im schwer betroffenen Südafrika - billigere Therapien gefordert

13. Welt-Aids-Konferenz tagt erstmals in Südafrika
Die UN-Konferenz kritisiert schlappe Anti-Aids-Politik in Entwicklungsländern

Vor Freude weinend lagen sich vor vier Jahren bei der 11. Welt-Aids-Konferenz im kanadischen Vancouver die Kranken in den Armen. Neue Medikamente hatte man entdeckt, sogar führende WissenschaftlerInnen glaubten an ein Heilmittel. Zwei Jahre später, in Genf, war Ernüchterung eingetreten. Mit der Kombinationstherapie kaufen sich jene, die es sich leisten können, Lebensjahre, Heilung bietet sie nicht. Armen Ländern bietet sich auch diese Möglichkeit nicht. Die Debatte darüber bestimmt die Aids-Konferenz im südafrikanischen Durban.

In Europa und Nordamerika ist es zwar nicht zum Massensterben gekommen, doch es scheint sich eine gefährliche Gelassenheit breit zu machen. Unter Homosexuellen beispielsweise werden "Safe Sex"-Praktiken immer öfter ignoriert, weil die andauernde Bedrohung unterschätzt wird.

Aids-ExpertInnen, AktivistInnen und Kranke aus aller Welt treffen einander heuer sozusagen unter den Augen der Infizierten, die keine Hoffnung auf Therapie haben. Durban liegt mitten in einem der am schlimmsten betroffenen Gebiete der Welt. Dort wütet die Seuche fast ungehindert.

In Afrika sind Millionen Menschen, ganze Volkswirtschaften bedroht. Bescheidene Fortschritte in der Entwicklung einiger Länder hat Aids zunichte gemacht. Es erfüllen sich Horrorvisionen, die vor zehn Jahren die Industrieländer ängstigten.

Profite gehen vor

Die Kosten jener Mittel, die in Vancouver Freudentänze auslösten, überfordern selbst vergleichsweise starke Länder wie Südafrika. Deshalb wird diese Konferenz von der Forderung nach billigeren Aids-Medikamenten geprägt sein. AktivistInnen aus armen Ländern greifen die Pharmaindustrie an: "Superprofite sind euch wichtiger als die Gesundheit von Millionen Armen."

Die größten Konzerne haben billigere Medikamente angeboten, doch die Einzelheiten der Angebote bleiben unklar. Selbst wenn die Kombinationstherapie kostenlos wäre, in der Dritten Welt könnte sie nur beschränkt angewandt werden. Die Tabletten müssen nach einem exakten Plan eingenommen werden, von dem AnalphabetInnen ohne Uhr überfordert wären.

Die Nebenwirkungen kann nur ein verlässlich ernährter Körper verkraften. Regelmäßige Laboruntersuchungen sind auf einem Kontinent, wo viele Kliniken weder Betten noch Decken haben, Illusion.

Prävention bedeutet auch Gleichberechtigung der Frauen

Vor diesem Hintergrund ist die Verzweiflung zu verstehen, mit der Südafrikas Präsident Thabo Mbeki nach einem Ausweg sucht - sogar unter "Aids-Dissidenten", die Zusammenhänge zwischen dem HIV-Virus und Aids leugnen.

Andere AfrikanerInnen hoffen nur noch, dass sich die Zahl der Infizierten "auf hohem Niveau stabilisiert", ohne ganze Völker zu töten. Einzige Hoffnung für Afrika und arme Länder in Asien, Lateinamerika und Osteuropa, in denen Aids noch in den Anfängen steckt, wäre ein Impfstoff. Doch dessen Entwicklung scheint noch in weiter Ferne.

So bleibt vorerst nur die Möglichkeit der Verhütung. Dazu gehört auch, wie Mbeki stets betont, die Bekämpfung der Armut. Prävention bedeutet auch, über Sexualität oder Gleichberechtigung der Frauen zu reden. Schon davon sind viele Politiker Afrikas überfordert. Auch deshalb lautet das Motto dieser Konferenz "Das Schweigen brechen."

STANDARD-Korrespondent Hans Brandt aus Johannesburg

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