TV & Bundesliga - J'accuse

2. Juli 2007, 11:22
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Die schlechte Behandlung der Liga im Fernsehen kann für die Fans schon zur Qual werden

Manchmal, wenn man ungeheure Nachrichten erfährt, Nachrichten, die man einfach nicht glauben kann, dann geht man lange Zeit davon aus, etwas falsch verstanden zu haben. Je ungeheuerlicher die Nachricht, desto überzeugter ist man vom Fehler, der einem selbst passiert sein muss.

Genau so erging es mir bei folgender Neuigkeit: Österreichs Bundesligafußball wird im frei empfangbaren Fernsehen nicht mehr übertragen. Mit etlichen Wochen Verspätung muss ich mir eingestehen, dass nicht ich etwas falsch verstanden habe – nein: Österreich ist um eine skurrile Facette der Lächerlichkeit reicher.

Unterstützt wird mein tragischer Irrtum auch von den Fans und den Medien – denn den Sturm der Entrüstung, der meiner Meinung nach über Liga, ORF und Premiere hinwegfegen hätte müssen, den gab es nicht.

Oder liegt es doch an mir? Bin ich der einzige in diesem Land, der Fußball so liebt, dass er am Samstag eine ausführliche Sendung über die Bundesligarunde sehen möchte? Bin ich der einzige, dem die Dramaturgie einer Bundesligarunde wichtig ist? Der die Tabelle im Kopf hat und die Veränderungen Samstag Abend sehen möchte? Reicht den anderen Österreichern ein „Sportflash“? Oder Teletext? Die Sonntagzeitung? Das „Live-Spiel der Woche“?

Vielleicht kann ich es deshalb nicht glauben, weil ich die letzten drei Jahre in Deutschland verbracht habe. Einem Land, das einen diametral entgegen gesetzten Zugang zum Fußball hat als wir Österreicher: Die Stadien sind voll, die Premiere-Sportbars auch. Die Fans kämpften erfolgreich um einen Anpfiff um 15:30, und die Liga kämpfte um die Sportschau um 18:00. Vergleicht man die Argumente, ist man schnell unglaublich traurig. Während die deutschen Ligaverantwortlichen im Poker um die Fernsehrechte der Meinung waren, dass Kinder die Fans von Morgen sind und deshalb Bundesligafußball zu einem akzeptablen Zeitpunkt im freien Fernsehen sehen können sollten, verlautbarten die österreichischen Ligakollegen nach dem Coup des ORF, sich „rechtliche Schritte vorzubehalten“, weil „eine Zusammenfassung der Liga am Samstag vertraglich fixiert ist“. Passiert ist seitdem nichts.

Wer sind diese Personen, die dem österreichischen Fußball den Rest geben? Was sind das für Menschen, die uns die 18:30-Zeiten beschert haben? Und diese seltsame Fußballsendung auf ATV spät in der Nacht, der ich jetzt nachweine? Wer glaubt, mir und allen anderen Fans mit einem lächerlichem Live-Spiel pro Runde eine Freude gemacht zu haben? Und weil ich gerade dabei bin: Woher kommen diese österreichischen Fußballmoderatoren?

Deren mangelnde Qualifikation ist Legende, neuerdings wird aber auch die Verhaberung mit den Freunden aus der Liga offen zur Schau gestellt: Herr Pariasek gefällt sich in einem Interview mit Hannes „Mr. Burns“ Kartnig in der Rolle des Smithers und geißelt in vorauseilendem Gehorsam ein harmloses Spruchband Grazer Fans mit dem Wortlaut „Zerstört nicht unseren Lebenszweck und sperrt den dicken Hannes weg.“ Ebenjener Hannes, der im Umgang mit anderen nie besonders zimperlich war, nickt traurig zu den eifrigen Verteufelungen des Herrn Pariasek.

Ich habe diese Lächerlichkeiten satt. Und bemerke immer öfter, wie mich eine leise, sanfte Stimme in mir umzustimmen versucht. Die Argumente dieser netten, kompetenten Stimme sind nicht ohne: Besserer Fußball, bessere Liga, jede Menge Respekt und Liebe vor König Fußball und Samstag eine schöne Zusammenfassung um 18:00. Sogar ein Live-Spiel wird mir neuerdings geboten – auf ATV. Ich muss nur Rapid den Rücken kehren und deutsche Liga kucken. Irgendwann wird diese freundliche Stimme gesiegt haben. (Helge Haberzettl)

Helge Haberzettl, 34, ist Werbetexter in Österreich. Die letzten drei Jahre verbrachte er beruflich in Berlin. Fußballerisch ist er Spätzünder, das alles auslösende Ereignis war der Besuch des UEFA-Cup-Finales Salzburg-Inter Mailand in Wien. Nach einer kurzen Orientierungsphase drückt er seitdem Rapid (wegen Trifon Iwanow) und dem HSV (wegen Patrick Pacard) die Daumen, was diese Saison eine besonders schwere Hypothek zu sein scheint.
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