"Ohne 30er-Regel hätten wir Helden"

21. März 2007, 09:10
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ÖSV-Boss Schröcksna­del im Interview über Vorstellungen vom Welt­cup, WM am Saison­ende, höhere Ansprüche und Schwächen der FIS

Österreichs Herren haben eine "Gewinnhemmung", der Rest der Welt riecht Lunte. Haben Sie Sorgen?

Schröcksnadel: "Nein. Wir tun uns mit den Verhältnissen in Beaver Creek einfach schwer. Und beim Abfahrtsteam darf man nicht übersehen, dass wir viel junge Verletzte haben. Ich habe keine Angst, dass wir eine schlechte Mannschaft haben."

Also braucht FIS-Präsident Kasper nicht mehr fürchten, dass Österreich den Weltcup kaputt siegt?

Schröcksnadel: "Es ist Schwachsinn, so etwas zu behaupten. Außerdem sind im Skisport ohnehin weitaus mehr Länder auf dem Podest als in anderen Sportarten. Federer gewinnt im Tennis fast alles, bei Schumacher war's auch so. Hat sich wer beschwert, als Stenmark 80 und Tomba 50 Rennen gewonnen hat?"

Aber das sind Einzelhelden, die sogar wichtig sind für den Sport.

Schröcksnadel: "Richtig. Und ohne 30er-Regel hätten wir diese Helden auch wieder. Aber heute hat im Super G mit Nummer 30 doch kaum noch noch Einer die Chance, zu siegen. Die Regel ist nicht gut, weil sie Helden verhindert."

Haben Sie wirklich mitgewirkt, dass es keine zusätzlichen Rennen in den USA gibt?

Schröcksnadel: "Wir haben 350.000 Euro für Rennen in Aspen angeboten. Aber nicht für 7 oder 8 in Beaver Creek. Das hätte das Publikum überfordert, so viele Rennen in Folge sind ein Overkill. So hat man schon Tennis kaputt gemacht. Die Rennen einfach nur auf einem Berg runterzuklopfen, macht keinen Sinn. Dann könnten wir gleich das ganze Jahr in Kitzbühel fahren."

Kann man sich das angesichts der Wetterlage in Europa leisten?

Schröcksnadel: "Das hat nichts miteinander zu tun. Das Publikum muss sich auf ein Rennen freuen. Außerdem gibt es immer Alternativen."

Ist das Problem nicht auch hausgemacht?

Schröcksnadel: "So viele Rennen vor Weihnachten, das ist eigentlich gegen das Wetter. Wir hatten auch früher zu Nikolaus öfter keinen Schnee. Nur dank der Schneekanonen oder wegen der Rennen in Amerika konnte man den Kalender nach vorne erweitern."

Was kann man tun?

Schröcksnadel: "Orte aussuchen, die die Möglichkeiten haben, mit guten Schneeanlagen auch geringe Kälteperioden auszunutzen. Sich nur auf den Schneefall zu verlassen, geht nicht mehr. Nur wenn ein Ort dazu bereit ist, um diese Jahreszeit zuerst die Weltcup- und erst dann die Publikumspiste zu beschneien, kriegt er ein Rennen."

Ganz wird man das aber nie in den Griff bekommen.

Schröcksnadel: "Natürlich nicht. Skifahren ist ein Freiluftsport und findet nicht auf einem überschaubaren Feld statt. Andererseits ist der Skirennsport sehr professionell und wirtschaftlich geworden, also muss muss man auch von den Veranstaltern entsprechende Voraussetzungen verlangen können."

Würde eine zentrale Vermarktung des Weltcups nicht auch helfen?

Schröcksnadel: "Ich sehe niemand in der FIS, der das könnte. Bei der zentralen Vermarktung gibt man alle Rechte her und bekommt nichts zurück, wie bei der Steuer. Was ich mir vorstellen kann, ist eine kooperative Vermarktung wie bei uns in Österreich."

Aber die Fußball-Champions League und die Formel 1 funktionieren gerade deshalb so gut.

Schröcksnadel: "Niemand hindert die FIS daran, Rechte einzukaufen. Jeder Veranstalter wäre froh, wenn die FIS Sponsoren hätte, die mehr bringen. Man wollte seinerzeit (den Rechteinhaber, Anm.) Mediapartners kaufen, der Zug ist abgefahren. Jetzt macht's für die kommenden Jahre die Infront. Aber die sind gut, mit denen kann man schöne Marschrouten festlegen. Das sind Profis, die wollen langfristig mit dem Skisport Geschäfte machen."

Apropos Marschrouten. Wann bekommt jetzt der Weltcup sein neues Gesicht?

Schröcksnadel: "Es gibt eine Arbeitsgruppe von vier Verbands-Präsidenten, in der auch ich sitze. Wir wollen Guidelines, also grundsätzliche Richtlinien erstellen, um die FIS-Kalender besser steuern zu können."

Also bald die Alpin-WM als Saison-Abschluss?

Schröcksnadel: "Zum Beispiel. Mit dieser Idee bin ich ja schon vor drei Jahren gekommen, aber ich melde keine Urheberrechte auf meine Ideen an. Oder den Ländern Quoten zu geben, dann hört diese Rangelei um Rennen auf. Wie im Fußball, der früher ja auch nur am Tag stattgefunden hat, könnte man den Markt an ein Flutlichtrennen an einem Wochentag gewöhnen."

Was noch?

Schröcksnadel: "Es gibt eine Menge Ideen, aber im Prinzip zwei Ansätze: Was ist für die Athleten wichtig und wie bringe ich möglichst viele Leute zum Zuschauen. Wenn ich dem alles unterordne, ergibt sich alles andere von selbst."

Viele dieser Ideen werden doch schon seit Jahren diskutiert.

Schröcksnadel: "Neu ist jetzt, dass wir nicht nur diskutieren, sondern diese Ideen nach und nach auch in die Tat umsetzen. Ohne natürlich das Kind mit dem Bade auszuschütten."

Haben Sie nach wie vor kein Interesse, FIS-Präsident zu werden?

Schröcksnadel: "Nein. Man hat mich aber auch nie gefragt."

Zurück zur Gegenwart. Was zeichnet die Reiteralm aus?

Schröcksnadel: "Sie könnte ein Paradebeispiel dafür sein, wie ein Weltcup-Schauplatz ausschauen muss. Wo wie in Sölden, der Flachau oder in Hinterstoder notfalls auch auf einer zweiten, höheren Etage gefahren werden kann. Man ist dort jetzt aber kurzfristig eingesprungen, das darf man nicht vergessen."

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    "Die Rennen einfach nur auf einem Berg runterzuklopfen, macht keinen Sinn"

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