Temperaturen bis ins 8. Jahrhundert errechnet - Meteorologen erwarten weiteren Temperaturanstieg - Umweltschützer schlagen Alarm - Touristiker suchen nach Auswegen
In den vergangenen 1.300 Jahren war es in den Alpen
noch nie so warm wie jetzt. Zu diesem Schluss ist eine
internationale, von der Zentralanstalt für Meteorologie und
Geodynamik (ZAMG) in Wien geleitete Klima-Studie gekommen, die das
Klima in den Bergregionen Mitteleuropas bis ins 8. Jahrhundert
rekonstruierte. Die Reaktionen waren unterschiedlich: Während
Wissenschafter von einer "konkreten Aussage" sprechen, schlugen
Umweltorganisationen wie etwa der WWF Alarm. Die Tourismusbranche
sucht indes nach Auswegen aus der drohenden Krise.
"Wir erleben gerade die wärmste Periode in den vergangenen 1.300
Jahren", zog Reinhard Böhm, ZAMG-Klimatologe und Leiter der
"Alp-Imp"-Studie ("Multi-centennial climate variability in the Alps
based on Instrumental data, Model simulations and Proxy data"),
Bilanz. Bis 1890 regierte demnach die so genannte Kleine Eiszeit,
also kaltes, natürliches Klima. So erreichten etwa um 1850 die
Gletscher der Alpen ihre größte Ausdehnung in 8.200 Jahren. Danach
setzte eine nicht vom Menschen herbeigeführte Erwärmung ein, die bis
etwa 1950 andauerte.
"Dunkle Periode" Mitte des 20. Jahrhunderts
Mitte des 20. Jahrhunderts begann dann sprichwörtlich eine "dunkle
Periode". Böhm: "Der menschliche Einfluss auf das Klima war stark, es
wurden enorme Mengen Dreck in die Atmosphäre gejagt." Dies führte
dazu, dass nicht mehr so viel Sonnenstrahlen auf die Erde gelangen
konnten und somit die Temperaturen purzelten. Bis Anfang der
achtziger Jahre wurden Heizöl und Kohle ungeniert verbrannt, dann
setzte sich allmählich der Umweltgedanke durch. So absurd es klingen
mag, aber erst dieser Prozess hat die Klimaerwärmung angekurbelt,
denn der Himmel wurde rein, klar - und ließ die Sonne ungehindert
passieren.
Die höheren Temperaturen sind eindeutig auf Einflüsse des Menschen
zurückzuführen wie Autofahren und Industrieproduktion. Das von der EU
geförderte Projekt hat die Klimageschichte im Großraum zwischen
Nürnberg und der Toskana sowie zwischen dem Rhone-Tal und Budapest
rekonstruiert.
Meteorologen erwarten weiteren Temperaturanstieg
Fazit: Auch im 10. und 12. Jahrhundert habe es Phasen der
Erwärmung gegeben, sagte Böhm. Aber die seit den achtziger Jahren des
20. Jahrhunderts zu beobachtende Wärmeperiode habe zu noch höheren
Temperaturen geführt als damals im Mittelalter. Ursache seien
Emissionen von Kohlendioxid, Methan und anderen Treibhausgasen. "Die
Modelle deuten darauf hin, dass es noch wärmer wird", prognostizierte
der Klimatologe.
"Man muss die Ergebnisse sehr ernst nehmen. Sie liefern eine
konkrete Aussage über die Situation im Alpenraum. Da ist etwas im
Laufen, das es erst seit drei Jahrzehnten gibt", äußerte sich Herbert
Formayer, Klimaforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien,
besorgt. "Die Resultate sind sehr gut. Die, die es bis jetzt nicht
wahrhaben wollten, dass es Klimaveränderung gibt, haben es nun
schwarz auf weiß." Die Studie sei mit den "besten Methoden, die
derzeit zur Verfügung stehen", durchgeführt worden, so Formayer.
Touristiker suchen nach Auswegen
"Für mich kommt das alles nicht überraschend. Die Belege für
Klimaerwärmung sind mittlerweile dermaßen erdrückend, dass es immer
unverständlicher wird, wie zögerlich die Politik auf die
Veränderungen reagiert", sagte Klimatologe Markus Niedermair vom
Worldwide Fund for Nature (WWF). "Man sieht es ja schon überall, und
die Wissenschaft sagt ganz klar, was zu tun ist. Der Klimawandel
wartet nicht - es ist höchste Eisenbahn, um dagegen zu steuern."
Die Tourismusbranche hat sich längst auf die Suche nach Auswegen
aus der drohenden Krise begeben: "Der österreichische Tourismus hat
aus der Vergangenheit gelernt und stellt sich heute mit einem
differenzierten Winterangebot dar, das nicht mehr nur an Schnee
gebunden ist. Selbstverständlich hoffen wir auf Schnee und darauf,
dass sich auch dieser Winter dank sehr guter Buchungslage in der
Kernzeit zwischen Weihnachten und den Semesterferien positiv
entwickeln wird", betonte Petra Stolba, Geschäftsführerin der
Österreich Werbung. (APA)