Die Macht der Minderheit

5. Jänner 2007, 11:07
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Das böse Bonmot "Minderheitsaktionäre sind blöd, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie eine Dividende wollen", hat ausgedient

Das böse Bonmot "Minderheitsaktionäre sind blöd, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie eine Dividende wollen", hat ausgedient. Engagierte Aktionärsvertreter erkämpften eine höhere Abfindung - und die Vorstände zitterten.

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Die Zeiten, als sich Minderheitsaktionäre oder deren Vertreter bei den Hauptversammlungen mit dem obligaten Buffet abspeisen ließen, sind vorbei. Seit rund sechs Jahren nehmen sie, nicht zuletzt auch dank der Berichterstattung über die Firmen, ihre Rechte wahr. Die Chancen, dass engagierte Aktionäre etwa bei einer Barabfindung im Zuge eines Börsenrückzugs mehr Geld bekommen, stehen gut. In der Regel zahlen die Unternehmen dann zwischen 25 und 100 Prozent mehr, schätzt Anwalt Kurt Berger. Anlegervertreter Wilhelm Rasinger spricht von zehn bis 30 Prozent.

Heuer konnten die Minderheitsvertreter bei drei Causen punkten: Beim "Squeeze-out" der Generali gelang es Anwalt Berger die zunächst knausrige Generali-Führung in Italien dazu zu bewegen, den Aktionären in Wien eine um 25 Prozent höhere Abfindung zu zahlen. Berger konnte nachweisen, dass die Generali-Beteiligungen zu gering bewertet waren. Was Berger in aller Ruhe und Gelassenheit erreicht, geht bei Rupert-Heinrich Staller etwas lauter vonstatten.

Ausraster

Bei der AUA-Hauptversammlung (HV) heuer im Mai reizte er den gerade frisch gekürten (und in Sachen Privatanleger unerfahrenen) AUA-Chef Alfred Ötsch so sehr, dass dieser emotional ausrastete. Nach einem Disput über den Geschäftsgang sagte Ötsch zu Staller, er habe Achtung vor dem Aktionär Staller, aber er habe keine Achtung vor dem Mensch Staller. Letzterer zögerte die HV dann um Stunden hinaus, indem er die Bilanz "zerlegte". Und seine Retourkutsche kam umgehend bei der HV im November, wo es Staller in der Hand hatte, die von der AUA dringend benötigte Kapitalerhöhung platzen zu lassen, hätte er die von ihm zu Protokoll gegebenen Widersprüche nicht zurückgezogen. Das tat er erst, nachdem seine Forderung nach einem verbesserten Angebot für Vielzeichner erfüllt wurde und er die Zusicherung hatte, dass Vorstand und Aufsichtsrat ebenfalls massiv AUA-Aktien kaufen.

Bei der SEG AG (von der Insolvenz des Bauträgers SEG nicht betroffen) wollten die Minderheitsaktionäre (Versicherungen und Private) nicht länger zusehen, wie die alte Führung unter Silvia Wustinger-Renezeder das Unternehmen immer tiefer in die Krise führte. In einer bisher einzigartigen Aktion übernahm der Streubesitz unter Führung von Berger und Rasinger bei der SEG das Kommando im Aufsichtsrat und Wustinger-Renezeder musste ausscheiden. An ihrer Stelle arbeitete Sanierer Bernhard Chwatal.

Gegen das "Unter-den-Teppich-kehren"

Aktionärsvertreter werden dann aktiv, wenn Fehler passieren und diese unter den Teppich gekehrt werden, oder wenn Geschäftspraktiken nicht aufgehen und die Kleinaktionäre nicht informiert werden, argumentiert Berger. Es gebe vorbildliche Unternehmen wie OMV, Voest, Erste Bank oder BA-CA, die hätten professionelles Investors Relation und leben "shareholder value". Und es gebe neben der SEG mehrere negative Beispiele wie Admiral, AT&S oder Meinl International. AT&S etwa habe versucht die Schließung eines großen Werkes an den Aktionären vorbeizuschmuggeln. Rasinger ist auch proaktiv tätig: Er warnte jüngst Privatanleger vor der Zeichnung der A-Tec-Aktien: Das Unternehmen sei in einer finanziell angespannten Situation.

Es gibt aber auch immer häufiger Fonds und Vermögensverwalter, die investieren in spezielle Firmen, bei denen sie Arbitrageeffekte sehen. (Claudia Ruff, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.12.2006)

  • Hauptversammlungen können stundenlang dauern, wenn die Aktionäre glauben, zu wenig, schlecht oder gar nicht informiert worden zu sein.
    foto: standard/cremer

    Hauptversammlungen können stundenlang dauern, wenn die Aktionäre glauben, zu wenig, schlecht oder gar nicht informiert worden zu sein.

  • Der gebürtige Tiroler Rupert-Heinrich Staller (38) war als Unternehmensberater tätig und machte als Investor ein Vermögen. Er legt Wert darauf nicht als Kleinaktionärsvertreter tituliert zu werden, sondern als Investor und Berater der Meinl Bank. Heuer machte der Inhaber zweier Beteiligungsgesellschaften dem AUA-Vorstand unter Alfred Ötsch das Leben zur Hölle. Dem Investor, dem es an Selbstbewusstsein nicht mangelt, wies auch AUA-Aufsichtsrat Peter Michaelis in die Schranken, als dieser einer "Bitte" Stallers nachkam. Staller stellte klar: "Herr Michaelis, ich bitte nie, ich habe Sie ersucht". In seinem Büro am Graben hängt seit dem Sommer seine Neuerwerbung, das Bild "Totentanz" von Albin Egger-Lienz, das er um 912.000 Euro ersteigerte. (cr)
    foto: standard/fischer

    Der gebürtige Tiroler Rupert-Heinrich Staller (38) war als Unternehmensberater tätig und machte als Investor ein Vermögen. Er legt Wert darauf nicht als Kleinaktionärsvertreter tituliert zu werden, sondern als Investor und Berater der Meinl Bank. Heuer machte der Inhaber zweier Beteiligungsgesellschaften dem AUA-Vorstand unter Alfred Ötsch das Leben zur Hölle. Dem Investor, dem es an Selbstbewusstsein nicht mangelt, wies auch AUA-Aufsichtsrat Peter Michaelis in die Schranken, als dieser einer "Bitte" Stallers nachkam. Staller stellte klar: "Herr Michaelis, ich bitte nie, ich habe Sie ersucht". In seinem Büro am Graben hängt seit dem Sommer seine Neuerwerbung, das Bild "Totentanz" von Albin Egger-Lienz, das er um 912.000 Euro ersteigerte. (cr)

  • Der Steirer Kurt Berger (40) ist Jurist und seit 1999 als Anwalt mit Spezialgebiet Gesellschaftsrecht in der Kanzlei Berger Saurer Zöchbauer in Wien tätig. Auch Berger ist kein klassischer Kleinaktionärsvertreter sondern Vertreter von Kernaktionärsgruppen, wenngleich am Ende natürlich auch die Kleinaktionäre (durch eine höhere Abfindung) von seinem Tun profitieren. Sein erster bekannter Fall war der Leitenplattenhersteller AT&S, wo die Aktien seines Mandanten aufgekauft wurden. Auch Admiral hat die von ihm vertretenen Gesellschafter abgefunden. Sensationelles gelang Berger bei der Immobilienfirma SEG (jetzt CEE). Bei der HV hat er gemeinsam mit anderen Streuaktionären im Aufsichtsrat das Kommando übernommen. (cr)
    foto: standard/andy urban

    Der Steirer Kurt Berger (40) ist Jurist und seit 1999 als Anwalt mit Spezialgebiet Gesellschaftsrecht in der Kanzlei Berger Saurer Zöchbauer in Wien tätig. Auch Berger ist kein klassischer Kleinaktionärsvertreter sondern Vertreter von Kernaktionärsgruppen, wenngleich am Ende natürlich auch die Kleinaktionäre (durch eine höhere Abfindung) von seinem Tun profitieren. Sein erster bekannter Fall war der Leitenplattenhersteller AT&S, wo die Aktien seines Mandanten aufgekauft wurden. Auch Admiral hat die von ihm vertretenen Gesellschafter abgefunden. Sensationelles gelang Berger bei der Immobilienfirma SEG (jetzt CEE). Bei der HV hat er gemeinsam mit anderen Streuaktionären im Aufsichtsrat das Kommando übernommen. (cr)

  • Wilhelm Rasinger (58) ist der klassische Kleinaktionärsvertreter und seit 1999 Obmann der IVA, des Interessenverbandes der Anleger. Er ist auf fast jeder größeren Hauptversammlung präsent und vertritt eigene Aktien, aber auch jene, die ihm Anleger anvertrauten. Bei Libro setzte er u. a. eine Sonderprüfung durch, und bei der Fusion von SCA und Laakirchen wurde das Abfindungsangebot für Kleinaktionäre verdoppelt. Rasinger, studierter Betriebswirt und Bruder des VP-Gesundheitssprechers, begann in der Allianz und machte sich später als Unternehmensberater selbstständig. Er ist Lehrbeauftragter und beschäftigt sich mit der Nachfolgeproblematik in Familienbetrieben. Gemeinsam mit Kurt Berger gelang ihm bei der SEG der Einzug in den Aufsichtsrat. (cr)
    foto: standard/fischer

    Wilhelm Rasinger (58) ist der klassische Kleinaktionärsvertreter und seit 1999 Obmann der IVA, des Interessenverbandes der Anleger. Er ist auf fast jeder größeren Hauptversammlung präsent und vertritt eigene Aktien, aber auch jene, die ihm Anleger anvertrauten. Bei Libro setzte er u. a. eine Sonderprüfung durch, und bei der Fusion von SCA und Laakirchen wurde das Abfindungsangebot für Kleinaktionäre verdoppelt. Rasinger, studierter Betriebswirt und Bruder des VP-Gesundheitssprechers, begann in der Allianz und machte sich später als Unternehmensberater selbstständig. Er ist Lehrbeauftragter und beschäftigt sich mit der Nachfolgeproblematik in Familienbetrieben. Gemeinsam mit Kurt Berger gelang ihm bei der SEG der Einzug in den Aufsichtsrat. (cr)

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