Traumatisiert per Kreuzerltest

2. März 2007, 11:38
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Psychologen kritisieren mangelnde Qualifikation im Asylbereich

Wien – Eine Stunde lang soll das Anamnesegespräch in Traiskirchen gedauert haben. Eine Stunde, in der die Mutter von zwei Töchtern vom "Verschwinden" des Ehemannes im Jahr 2003, nachdem er in Tschetschenien verschleppt worden war, erzählt hat. Von ihrer Vergewaltigung im Jahr 2004. Von den Selbstmordgedanken, die sie ihrer beiden Kinder wegen zurückstellt. Das Resultat des Gespräches: Eine knapp halb voll geschriebene DIN-A4-Seite und die Erkenntnis, dass die geflüchtete Frau nicht traumatisiert sei. Festgehalten auf einer Seite voller Fragen und dazu gehörenden "Ja"- und "Nein"-Kästchen zum Ankreuzen.

Für Klaus Ottomeyer, Universitätsprofessor und Obmann des privaten Beratungszentrum für Gewaltopfer Aspis, ist so ein Vorgehen während des "Zulassungsverfahrens" für das eigentliche Asylverfahren nicht ungewöhnlich. Mediziner, die in Traiskirchen und anderen Stellen beurteilen müssen, ob Flüchtlinge als "traumatisiert" besonderen, gesetzlich verbrieften, Schutz genießen, seien fast immer mangelhaft ausgebildet, kritisiert der Wissenschafter am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien. "Gerade bei Traumapatienten kommt es auf die richtige Deutung des Verhaltens an – wenn das Gegenüber 'detailarm' erzählt, bedeutet das nicht unbedingt, dass er oder sie lügt, sondern noch nicht darüber sprechen kann." Dazu kämen kulturell unterschiedliche Arten der Traumabewältigung.

Die Folge mangelnder Fachkenntnisse: Selbst Folter- und Vergewaltigungsopfer kommen in Schubhaft, fürchtet Martin Schenk von der Diakonie Österreich und Vorstand des Vereins Hemayat. Bei traumatisierten Flüchtlingen müsse in jedem Fall ein gelinderes Mittel sichergestellt sein, fordert Schenk. Wie schwierig gerade bei Angehörigen von "Verschwundenen" die Betreuung ist, weiß die Psychotherapeutin und Universitätsassistentin Barbara Preitler. "Bei einem Todesfall kann man abschließen, beim gewaltsamen 'Verschwinden' ist das nicht so einfach", schildert sie aus ihrer Praxis, die Preitler gemeinsam mit Hintergründen und Bewältigungsstrategien in einem neuen Buch "Ohne jede Spur ..." (ISBN 978-3-89806-928-1) beschreibt. (moe/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.12. 2006)

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