Zuviel "Advent" in der Nase

28. März 2007, 12:06
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Gerüche wirken - deshalb wird fast alles wohlwollend beduftet, aber: Wie wirkt sich der olfaktorische Overflow auf unseren Organismus aus? Ein derStandard.at-Interview

derStandard.at: Duftsprays, Duftkerzen und Duftlampen damit es im Advent nach Zimt, Nelken, Orangen und Tannenzweigen duftet. Sind Duft-, Riech und Aromastoffe ein und dasselbe?

Hutter: Alle drei sind das Geruchssystem anregende chemische Stoffe, sowohl künstlich hergestellte, als auch Stoffe natürlicher Herkunft. Im Volksmund verwendet man Riechstoffe und Duftstoffe als Synonyme. Tatsächlich wird die Formulierung Riechstoffe als Überbegriff verwendet, da diese im Gegensatz zu Duftstoffen auch Substanzen beinhalten, die "stinken". Als Aromen bezeichnet man Gerüche, die vor allem von Stoffgemischen, sogenannten Aromastoffen in Lebensmitteln hervorgerufen werden.

derStandard.at: Vitalisierend, beruhigend, sinnlich, harmonisierend oder motivierend – den Duftstoffen werden viele verschiedene Wirkungen zugeschrieben. Sind diese erwiesen?

Hutter: Düfte wirken. Es hängt von der Konzentration ab ob und welche Geruchsempfindungen ausgelöst werden. Die menschliche Geruchswahrnehmung beziehungsweise -verarbeitung ist ein sehr komplexer Vorgang. Wesentlich daran beteiligt ist das limbische System, das gemeinsam mit anderen Gehirnstrukturen, wie dem Hypothalamus, unter anderem für Aggression, Angst, Sexualverhalten und der Kontrolle biologischer Rhythmen verantwortlich ist. Das erklärt, warum Gerüche belebend wirken und Einfluss auf Sexualität oder das allgemeine Befinden haben.

derStandard.at: In großen Geschäften ist man in der Vorweihnachtszeit vielen Raumdüften ausgesetzt. Steigern Raumdüfte die Kauflust?

Hutter: Wirkungen auf unsere Stimmungslage sind belegt. Eine Steigerung der Kauflust erscheint mir daher durchaus plausibel. Insgesamt hat sich dieser Trend aus den USA zu uns bewegt. Dort ist Duftmarketing eigentlich schon ein alter Hut. Nicht nur Kunden werden mit Düften beeinflusst, auch Bürogebäude werden in Amerika über Klimaanlagen beduftet, um die Konzentration der Arbeitnehmer und das Betriebsklima zu verbessern.

derStandard.at: Das klingt nach Zwangsbeglückung.

Hutter: Ja, so ist es. Daher ist der zunehmende Trend öffentliche Räume, wie Kaufhäuser, Hotels oder Ordinationen, zu beduften, sehr kritisch zu hinterfragen. Höflich formuliert, würde ich sagen, man versucht den Menschen damit positive Sinneseindrücke zu vermitteln. Dem gegenüber steht aber ein auffallender Mangel an Erkenntnissen über gesundheitliche Langzeiteffekte.

derStandard.at: Wann nehmen wir Duftstoffe in der Luft wahr?

Hutter: Jeder Duftstoff besitzt eine spezifische Geruchsschwelle, ab der dieser wahrgenommen wird. Die Entwicklung geht derzeit in Richtung hochwirksame Duftstoffe. Das heißt es kommt schon in sehr geringen Konzentrationen zu einer deutlichen Geruchswahrnehmung. Die geringere Einsatzmenge ist von Vorteil. Nachteilig ist, dass hochwirksame Duftstoffe eine verstärkte Wirkung auf Zellen oder Gewebe besitzen.

derStandard.at: Angeblich werden mehr als 2500 Chemikalien als Duft- und Aromastoffe eingesetzt. Weiß man denn von all diesen Substanzen die Wirkung auf den menschlichen Körper?

Hutter: Von diesen 2500 Substanzen werden nicht mehr als dreißig in großen Mengen produziert und bezüglich ihrer Sicherheit evaluiert. Große Mengen heißt, mehrere tausend Tonnen pro Substanz jährlich. Von den vielen, in wesentlich geringeren Mengen erzeugten Duftstoffen, gibt es, was die Auswirkungen für den Organismus anbelangt, nur sehr lückenhafte Beurteilungen.

Das eigentliche Problem ist, dass eventuell vorhandene gesundheitsrelevante Daten dem Betriebsgeheimnis unterliegen und nicht frei zugänglich sind. Selbst wenn bestimmte Substanzen genau untersucht wurden, beziehen sich die Untersuchungsergebnisse meist ausschließlich auf Hautreizungen beziehungsweise auf das allergene Potential.

derStandard.at: Gibt es Untersuchungen über die Wirkung eingeatmeter Duftstoffe?

Darüber wie sich eingeatmete Duftstoffe auswirken, gibt es leider nur wenige Daten . Es ist aber mittlerweile bekannt, dass Patienten mit duftstoffbedingten Kontaktekzemen nach Verwendung kosmetischer Produkte, häufiger unter Bindehautreizungen, Atemwegsproblemen, Übelkeit oder Kopfschmerzen leiden, wenn sie Raumdüften ausgesetzt sind.

derStandard.at: Das heißt man weiß derzeit nicht ob das Einatmen dieser Substanzen gesundheitsschädigend oder sogar gefährlich ist?

Hutter: Von bestimmten synthetischen Moschusduftstoffen weiß man heute, dass sie sich dauerhaft in der Umwelt anreichern. So gelangen sie in die Nahrungskette und sind in weiterer Folge in der Muttermilch oder im Blut nachweisbar. Von Moschus-Xylol und Moschus-Keton weiß man außerdem, dass sie die Wirkung krebserregender Substanzen verstärken.

In Untersuchungen, die wir gemeinsam mit dem österreichischen Umweltbundesamt durchgeführt haben, konnten wir im Blut junger Erwachsener Moschus-Xylol nachweisen. Sogar das bereits verbotene Moschus-Ambrette konnten wir in zwei Fällen nachweisen.

derStandard.at: Was ist Moschus?

Hutter: Der natürliche Moschus ist ein stark riechendes Sekret der Duftdrüsen des männlichen Moschustieres. Im Altertum galt er als wirksames Aphrodisiakum und als Arzneimittel bei Fieber und Krämpfen. Auch damals wurde Moschus bereits als Duftstoff bei der Herstellung von Parfum verwendet. Natürlicher Moschus ist sehr kostbar.

Auf der Suche nach billigeren Ersatzstoffen wurden Ende des 19. Jahrhunderts erstmals synthetische Verbindungen eingesetzt, die den charakteristischen Moschusgeruch aufwiesen. Es handelte sich dabei um die Nitromoschusverbindungen, wie Moschus Xylol, Moschus Keton oder Moschus Ambrette. Strukturell sind die synthetischen Nitromoschusverbindungen nicht mit dem natürlichen Moschus verwandt.

derStandard.at: Ist die Verwendung von Moschus bei uns nicht verboten?

Hutter: Nicht generell. Bestimmte Verbindungen, wie Moschus Ambrette beispielsweise sind aber verboten. Insgesamt geht die Herstellung der Nitromoschusverbindungen weltweit zurück. Dem gegenüber steht aber, vor allem in Europa, die steigende Produktion polyzyklischer synthetischer Moschusverbindungen. Das hat sich auch in unseren Untersuchungen widergespiegelt. Speziell Galaxolid konnten wir in hohen Konzentrationen im Blut der teilnehmenden Probanden nachweisen. (Hutter et al., Chemosphere 2005)

derStandard.at: Wie erkennt man, ob einem der Raumduft nicht mehr gut tut?

Hutter: Generell sollte jeder Arzt an Duftstoffe als mögliche Ursache denken, wenn Personen über Allergien, Befindlichkeitsstörungen und unspezifische gesundheitliche Symptome klagen. Verschwinden die Beschwerden, wenn man auf Raumbeduftung verzichtet, dann kann das ein Hinweis sein.

derStandard.at: Zählen ätherische Öle zu den Duftstoffen?

Hutter: Ätherische Öle sind pflanzlicher Herkunft. Sie beinhalten Duftstoffe und erhalten damit ihren jeweiligen charakteristischen Geruch.

derStandard.at: Sind sie reine Naturprodukte?

Hutter: Nein, auch sie können reine Naturprodukte, oder naturident nachgebaut sein. Zusätzlich gibt es noch völlig synthetische Öle.

derStandard.at: Sind Sie eine Alternative?

Hutter: Nein nicht unbedingt. Häufig ist es sogar so, dass eine gesundheitliche Bewertung der natürlichen Extrakte mit einer größeren Unsicherheit verbunden ist. Künstlichen Produkte weisen in der Regel eine definierte und konstante Zusammensetzung auf.

derStandard.at: Ätherische Öle finden vielfach therapeutischen Einsatz. Ist ihre gesundheitsfördernde Wirkung erwiesen?

Hutter: Die Anwendungsformen ätherischer Öle sind vielfältig. Beispielsweise werden sie bei Atemwegserkrankungen auf die Haut aufgetragen. Die schleimlösenden Wirkungen sind hier belegt.

derStandard.at: Das wissenschaftliche Beratungskomitee der EU hat 2005 durchgesetzt, dass Kosmetikhersteller 26 allergene Duftstoffen auf den Produkten nennen müssen? Wie sieht es mit Raumdüften aus. Weiß man als Konsument, welche Substanzen diese enthalten?

Hutter: Diese Vorschrift gilt nur wenn bestimmte Konzentrationen in Kosmetikprodukten überschritten werden. Oft bleiben die Hersteller duftstoffhaltiger Produkte aber unter der deklarationspflichtigen Konzentration oder sie ersetzen diese Substanzen durch Stoffe, die sie nicht deklarieren müssen. Eine Regelung für Raumdüfte existiert nach meinem Wissen nach nicht.

derStandard.at: Würden Sie persönlich empfehlen generell auf Duftlampen zu verzichten?

Hutter: Vor allem sollte die Bevölkerung darüber aufgeklärt werden, dass Duftstoffe die Innenraumluft nicht verbessern, sondern sie zusätzlich verschmutzen. Aus ärztlicher Sicht lehne ich die Verwendung von "Luftverbesserern" strikt ab. Ich empfehle eine gute Belüftung. Die kurzfristige Anwendung einer Duftlampe in der Vorweihnachtszeit halte ich aber für unproblematisch.

Beduftet man allerdings öffentliche Räume, so würde ich mir wünschen, dass man mit einem Schild darauf hingewiesen wir. Auf eine automatisierte Beduftung von Innenräumen über die Klimaanlage, sollte völlig verzichtet werden. Der gesundheitliche Schaden ist in jedem Fall größer als der daraus resultierende Nutzen. (Regina Philipp)

  • Hans-Peter Hutter ist
Landschaftsökologe und Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Schwerpunkt Umweltmedizin am Institut für Umwelthygiene, Zentrum für Public Health, an der Medizinischen Universität Wien
    foto: wíener rathauskorrespondenz

    Hans-Peter Hutter
    ist Landschaftsökologe und Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Schwerpunkt Umweltmedizin am Institut für Umwelthygiene, Zentrum für Public Health, an der Medizinischen Universität Wien

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