"Wir gehören zur selben Community"

9. Jänner 2007, 15:08
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European Jazz Prize für Bobo Stenson

Wien - Auf "Little Bobo", wie er in seiner Jugend genannt wurde, folgte diesmal das große Original:

Zwei Jahre, nachdem Esbjörn Svensson sich den European Jazz Prize, die höchstdotierte Auszeichnung im Rahmen des österreichischen Hans-Koller-Preises, abgeholt hat, wurde dieselbe Ehre vergangenes Wochenende im Porgy & Bess Bobo Stenson zuteil, dem ebenfalls aus dem schwedischen Västeras stammenden 62-jährigen Pianisten-Veteranen.

Bekannt geworden ist dieser seit den 70er-Jahren vor allem als Sideman prominenter Solisten zwischen Jan Garbarek, Sonny Rollins und Charles Lloyd. Sein zwischen energiebetonter Materialabstraktion und lyrischer Filigranität changierendes Spiel wurde freilich auch kontinuierlich mittels eigener Trio-Alben dokumentiert.

Was ihm, dem Pianisten mit dem interkontinentalen Aktionsradius, ein "europäischer" Jazzpreis bedeutete?

"Es bedeutet auch, dass die europäische Jazzszene in den letzten Jahren stärker, selbstbewusster geworden ist", so Stenson im Gespräch mit dem Standard. "Das muss keinen Wettbewerb mit den USA bedeuteten, aber ich denke, die europäische Szene wächst. Das macht den Preis für mich sogar noch wertvoller."

Europa: Der Jazz lebt!

Womit man beim Thema ist: Wird doch zurzeit mancherorts heftig über jene polemischen Thesen diskutiert, die der britische Musikjournalist Stuart Nicholson mit dem 2005 erschienenen Buch Is Jazz dead? (Or Has It Moved To Another Address) auf den Punkt gebracht hat.

Ihr Kern: Seit dem Tod von Miles Davis 1991 sei der Jazz in Amerika praktisch ausgestorben, ergehe sich - siehe Wynton Marsalis - in langweiliger Geschichtsverwaltung. Anderswo in der Welt dagegen erlebe er einen spürbaren Aufschwung, weil Musiker Electronica und Folklore in ihre Stücke einbezögen. Die Vereinigten Staaten, so Nicholson, hätten die Globalisierung des Jazz schlicht verschlafen.

"Ich würde nicht sagen, dass der US-Jazz langweilig ist", äußert sich Bobo Stenson dazu. "Man muss vorausschicken, dass sich die meisten amerikanischen Musiker ihrer Tradition ganz anders verpflichtet fühlen als wir. Das ist ihre Volksmusik, sie sehen sich als Träger dieser Tradition. Wir verwenden diese Sprache auch, aber wir sind freier, unbefangener und tun uns deshalb leichter, andere Elemente zu integrieren."

Fragen der Erblast

Wobei auch Stenson meint, dass diese nur scheinbar paradoxe Umkehrung der "klassischen" ästhetischen Polarität zwischen den USA und Europa, die nun der Alten Welt geringere historische Erblast und Verantwortung zuweist, letztendlich vielfältigere und interessantere Ergebnisse zeitigen könne.

Man spürt freilich auch, dass Stenson diese Diskussion kein wirkliches Anliegen ist: "Wir gehören zur selben Community", meint er. "Man sollte da nicht so große Unterschiede machen."

Weshalb er die auf den letzten Alben - Goodbye (2005) und Serenity (2000, beide: ECM/Lotus) - zelebrierte Integration von Vorlagen aus der abendländischen Kunstmusik - Purcells Music For A While, Alban Bergs Nachtigall nebst Stücken von Hanns Eisler - keineswegs als bewusste Reflexion seiner Herkunft verstanden wissen will:

"Dahinter steht keine bestimmte Absicht, wir spielen manchmal klassische Stücke, weil wir eben die Kompositionen mögen", sagt Bobo Stenson. Wenn es möglich ist, damit zu arbeiten, ohne es zu sehr zu zerstören, dann ist uns letztlich beinahe jedes Material recht." (DER STANDARD, Printausgabe, 04.12.2006)

  • Erhielt in Wien den europäischen Jazzpreis: Pianist Bobo Stenson.
    foto: robert newald

    Erhielt in Wien den europäischen Jazzpreis: Pianist Bobo Stenson.

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