"Einstiegsdroge" in die Schuldenfalle

8. Februar 2007, 14:01
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Die Schuldnerberatung übt heftig Kritik, denn: Bereits jede zehnte Person in Österreich ist überschuldet

Wien - Gerade in der Vorweihnachtszeit, wo jeder auf der Suche nach passenden Geschenken ist, kann es schnell passieren, dass das Geld auf dem Konto für die Erfüllung aller Weihnachtswünsche nicht reicht. In Österreich kann dennoch munter weitergeshoppt werden, weil jedem Kontobesitzer eine so genannte Einkaufsreserve, meist in der Höhe des zwei- bis dreifachen Monatseinkommens, zur Verfügung steht.

Zwischenfinanzierung

Mit dem Ausnützen dieser Reserve rutscht der Kontoinhaber zwar ins Minus und muss dafür hohe Überziehungszinsen von bis zu 13,25 Prozent (siehe nebenstehende Tabelle) zahlen. Diese Form der Zwischenfinanzierung ist aber unbürokratisch und schnell und daher sehr beliebt. Weder muss dafür die Bank um Erlaubnis gefragt noch ein Konsumkredit beantragt werden.

Diese flexible Überziehungsmöglichkeit des Kontos ist in anderen EU-Ländern nicht selbstverständlich und auch in Österreich umstritten. "Immer häufiger überziehen bereits Schüler ihr Konto", schlägt Alexander Maly von der Schuldnerberatung Alarm. Denn ein Überziehungsrahmen sei bei fast jedem Schüler- und Studentenkonto gegeben. "Damit werden bereits junge Leute ans Schuldenmachen gewöhnt", sagt Maly. Kommen später auch noch Schulden aus Teilzahlungen von Versandhäusern oder andere Belastungen hinzu, schnappe die Schuldenfalle sehr schnell zu.

Zehn Prozent überschuldet

Schuldnerberater Maly bezeichnet die Kontoüberziehung im Gespräch mit dem Standard als "Einstiegsdroge" ins Schuldenmachen. Ein Verbot der Überziehungen wäre seiner Ansicht nach wünschenswert.

Das Vorbild dafür sind die USA, wo diese Möglichkeit der Zwischenfinanzierung schlicht nicht möglich ist. Etwa zehn Prozent der Österreicher gelten nach Information der Schuldnerberatung als überschuldet.

Dies zeigen auch die Anträge auf Lohnpfändungen, die stark zunehmen - derzeit würden rund 750.000 Anträge pro Jahr gestellt. Maly: "Es gibt genügend Wege, Schulden zu machen. Da braucht es nicht auch noch die Konto-Überziehung".

Für Banken nicht das große Geschäft

Anders sehen das freilich die Banken, für die laut eigenen Angaben die Überziehungen kein großes Geschäft sind. Sie argumentieren damit, dass mündige Wähler auch über ihre Finanzen selbst entscheiden sollten. Zusätzliche Warnsysteme, wenn jemand sein Konto überzieht, beziehungsweise eine Informationspflicht über die Höhe der anfallenden Überziehungszinsen würden nur zusätzliche Bürokratie und damit Kosten nach sich ziehen, wird auf Bankenseite argumentiert.

Bei der Konto-Überziehung müsse man zwischen kurzfristigen und kleinen Beträgen, die mit dem nächsten Gehalt ausgeglichen werden, und langfristigen, hohen Überziehungen unterscheiden, erklärt Bernd Lausecker, Finanzspezialist beim Verein für Konsumenteninformation. Denn ein kurzfristiges Überziehen eines geringen Betrages komme meist sogar günstiger als ein Verbraucherkredit. Solche Kredite würden oft erst ab 4000 Euro vergeben.

Rücksprache halten

Überziehungen sollten jedoch nie ohne Absprache mit der Bank geschehen, sagte Lausecker. Durch die Möglichkeit der Überziehung rutsche man "oft sehr schnell in hohe Schulden". Und wenn man dann erst einmal zwei bis drei Monatsgehälter im Minus ist, sei die schnelle Abdeckung des offenen Betrages kaum mehr möglich. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.12.2006

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