"Nicht jammern, Winzer wechseln"

8. Jänner 2007, 15:05
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Willi Klinger wird mit 1. Jänner 2007 oberster Weinvermarkter des Landes. Im STANDARD-Interview spricht er über Preise und die Situation der internationalen Weinwirtschaft

STANDARD: Österreichischer Wein ist zu teuer, sagt Volkes Stimme, vor allem Rotwein. Die Preise würden nicht mit der Qualität zusammenpassen.

Willi Klinger: Es ist eine normale Entwicklung, dass erfolgreiche Produzenten, deren Produkte stark nachgefragt werden, ihre Preise erhöhen. Einigen Winzern ist es gelungen, mit guten Bewertungen national wie international eine Marke aufzubauen. Das alles ist Arbeit, die bezahlt wird. Niemand hat das Recht, von einem Weinproduzenten einzementiert bis in die Ewigkeit einen billigen Preis zu verlangen. Dafür hat der Konsument jederzeit das Recht, sich einen anderen Winzer zu suchen. Wenn er dieses Erlebnis des Topweines haben will und auch Image mittrinkt, dann wird er in Zukunft möglicherweise noch tiefer in die Tasche greifen müssen. Unsere Topweine kosten international gesehen zu wenig.

STANDARD: Was bietet man also jemandem an, der sich übervorteilt fühlt?

Klinger: Ich glaube, dass Österreich in einer Klasse von drei bis acht oder maximal zehn Euro sehr stark ist, und zwar bei Weißwein wie bei Rotwein. Wenn der Konsument keinen vernünftigen Wein mehr unter zehn Euro bekommt, dann müssen wir handeln. Ich ermutige die Leute daher, nicht zu jammern, sondern zu wechseln.

STANDARD: Wo kann nun Österreich mit seiner Weinproduktion zu seinen Kosten mitspielen und wo nicht?

Klinger: Österreichs Wein ist im Export ein Nischenprodukt: Wir machen nicht einmal ein Prozent der Weltweinproduktion, in den Export gehen noch viel geringere Mengen. Auch im Inland können wir bei Flaschenpreisen unter zwei Euro oder unter einem Euro für Qualitätswein, wie es einige Diskonter verlangen, nicht kontern. In der allerbilligsten Billigschiene können wir nirgends mit: kleine Betriebsgrößen, Familienbetriebe, teure Arbeitskraft. In der Klasse von zwei bis drei Euro im Supermarkt können wir schon ein Angebot stellen. Ab 3,50 Euro sind wir mit guten, wettbewerbsfähigen Qualitäten dabei. Toll ist, dass sich das Segment vier bis sieben Euro in den österreichischen Supermärkten entwickelt, und genau da sind wir auch im Export ganz gut. Wir haben international eine Leistungsfähigkeit zwischen vier und 15 Euro. Dort gibt es auch einen Markt - nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und in den USA.

STANDARD: Stichwort Globalisierung...

Klinger: Den Chinesen das Weintrinken beibringen, das werden Gallo, Constellations, Fosters, Hardys machen.

STANDARD: Die Weinwirtschaft der EU hat es im Moment schwerer als jene aus Übersee?

Klinger: In traditionellen Weinländern wie Frankreich, Italien und Spanien nimmt der Konsum ab, wie auch bei uns. Gleichzeitig hat die Neue Welt unglaublich viel neu ausgepflanzt und die Produktion erweitert. Aber sie hat auch neue Märkte geschaffen. In diesen neuen Märkten hat der Neue-Welt-Wein besser gepunktet als der europäische.

STANDARD: Wie wird man das auffangen, dass weniger Wein getrunken wird? Es gibt eine EU-Anti-Alkohol-Kampagne.

Klinger: Alkoholismus ist ein Problem, aber mit Verboten ist nichts gewonnen. Im eigenen Land kann der Rückgang durch vernünftigen Konsum auf breiterer Basis zum Essen abgefangen werden. Der glasweise Ausschank ist eine Riesenchance, Wein so zu verkaufen, dass es gesellschaftlich korrekt und auch gesundheitlich positiv ist.

STANDARD: Es gibt seit diesem Jahr neben dem Weinviertel auch das Mittelburgenland und das Traisental mit DAC-Weinen. Im Mittelburgenland ist es der Blaufränkische, im Traisental sind es Riesling und Grüner Veltliner. Sie wurden als DAC-Skeptiker bezeichnet.

Klinger: Die Argumente für DAC haben mir eingeleuchtet, als die Idee Mitte der 90er geboren wurde: Wenn man nur Rebsorten vermarktet, ist man austauschbar. Aber am Anfang war alles sehr restriktiv. Ich bin dafür, die Rebsorte aufs Etikett zu nehmen. Oft ist die Rebsorte der einzige Rettungsanker. International wird Grüner Veltliner stark nachgefragt, warum ihn also nicht draufschreiben. Simple Kommunikation. Was ich vorantreiben möchte, ist Schilcher-DAC. Schilcher ist keine Rebsorte, sondern ein Weintyp, da muss man jetzt ein Gebiet definieren. Ich glaube auch, dass man historische Weine à la Ruster Ausbruch hineinbringen muss. So ein Erbe darf man nicht wegschmeißen. (Luzia Schrampf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.12.2006)

  • Willi Klinger, zuletzt Marketingberater des berühmten Angelo Gaja aus Piemont, wird ab Jahreswechsel oberster Weinvermarkter Österreichs.
Zur Person
Der Oberösterreicher Willi Klinger (50) studierte Romanistik und Schauspiel, bevor er ins Weinbusiness (Wein & Co, Weingärtner Wachau, A. Gaja) einstieg.
    foto: standard/andy urban

    Willi Klinger, zuletzt Marketingberater des berühmten Angelo Gaja aus Piemont, wird ab Jahreswechsel oberster Weinvermarkter Österreichs.

    Zur Person
    Der Oberösterreicher Willi Klinger (50) studierte Romanistik und Schauspiel, bevor er ins Weinbusiness (Wein & Co, Weingärtner Wachau, A. Gaja) einstieg.

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