Großes Kino, leicht "wie ein Streich"

Redaktion, 3. Dezember 2006, 19:13
  • Die Zeichen auf Sturm: Nicht nur in Renoirs spätem Film "Le Déjeuner sur l'herbe" (1959) bringen die Elemente brave Bürger und soziale Konventionen ins Wanken.
    foto: filmmuseum

    Die Zeichen auf Sturm: Nicht nur in Renoirs spätem Film "Le Déjeuner sur l'herbe" (1959) bringen die Elemente brave Bürger und soziale Konventionen ins Wanken.

  • Jean Renoir bei der Arbeit. Das Credo des legendären französischen Filmemachers: "Der Regisseur ist kein Schöpfer, er ist eine Hebamme."
    foto: filmmuseum

    Jean Renoir bei der Arbeit. Das Credo des legendären französischen Filmemachers: "Der Regisseur ist kein Schöpfer, er ist eine Hebamme."

Mit Arbeiten wie "La Grande Illusion" oder "La Bête humaine" hat sich der französische Regisseur Jean Renoir (1894-1979) längst in die Evergreens der Filmgeschichte eingereiht

Im Österreichischen Filmmuseum steht derzeit sein Gesamtwerk zur Besichtigung.

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Wien - Der Regisseur taucht auf der Leinwand mitten unter seinen Figuren auf: Hosenträger über dem gestreiften Hemd, ein dicker Schnurrbart und ein Hütchen. Freundlich polternd gibt er in Une partie de campagne (1936) den Wirt eines kleinen Landgasthauses, der im Garten Sonntagsausflügler aus Paris empfängt. Eine burleske Erscheinung - und mit diesem Bild im Kopf ist es nur passend, dass Jean Renoir einmal gesagt haben soll, er plane einen Film "wie einen Streich".

Zu seinen Komplizen dabei gehören neben anderen auch etliche Familienmitglieder: sein älterer Bruder Pierre als Darsteller, sein Neffe Claude als Kameramann oder seine zeitweilige Lebensgefährtin Marguerite, die viele seiner Filme schneidet. Nicht nur deshalb kann man hier an eine andere französische Filmfamilie denken: die Brüder Lumière, deren erste erzählerische Miniaturen häufig "en famille" und "en plein air", im Freien entstanden.

Die Filme der Lumières waren noch in einer einzigen statischen Einstellung gedreht. Renoir versetzt solche Tableaus gewissermaßen meisterhaft in Bewegung. Und er bleibt so einer Tradition verbunden, die den inneren Zusammenhang eines Geschehens in komplexe Kameraarbeit übersetzen lässt und dieser Form der Inszenierung den Vorrang vor der Montage und der Fragmentierung einer Szene in unterschiedliche Einstellungen gibt.

Auf diese Weise entstehen intensive, dichte Sequenzen - wie etwa jene tragikomische Verfolgungsjagd durch die Salons eines Landschlösschens in La Règle du jeu (1939), die nicht nur einen Vorschein auf die nahende Tragödie innerhalb der Filmerzählung gibt. Oder der Epilog in besagtem Une partie de campagne, in dem die tief empfundene Traurigkeit zweier unglücklich Liebender den Schlaf eines Ahnungslosen nicht stören kann. Oder der Theaterabend in La Grande Illusion, in dem ein Panoramaschwenk das Geschehen erfasst - Bilder, die Renoir seinem Neffen verdankt: "Er war wendig wie ein Aal und schreckte vor keiner Akrobatik zurück."

Zeitgenosse des Kinos

Renoir, zweiter Sohn des Malers Pierre Auguste Renoir, ist selbst ein Zeitgenosse des Kinos: Als Zweijähriger befällt ihn zunächst Panik angesichts der neuen Attraktion, der er erstmals in einem Pariser Kaufhaus begegnet. Als jungen Mann machen ihn die Filme eines komischen kleinen Engländers dann doch noch zum leidenschaftlichen Kinogänger. "Charlie Chaplin hatte mich bekehrt" (Mein Leben, meine Filme).

Das Burleske wird später ein wiederkehrendes Element von Renoirs eigenen Arbeiten sein - was nicht im Widerspruch zum realistischen Zug seiner Filme - und deren anhaltender Wirkung - steht. 1924 schreibt er seinen ersten, Catherine ou Une vie sans joie. Seine damalige Frau Catherine Hessling spielt die Hauptrolle. Bei ihrem zweiten gemeinsamen Projekt, La fille de l'eau (1924), zeichnet Renoir bereits für die Regie verantwortlich.

Kaum einem seiner Stummfilme ist kommerzieller Erfolg beschieden - er finanziert sie teilweise durch den Verkauf von Gemälden seines Vaters. Erst mit dem Tonfilm beginnt sich das Blatt zu wenden. In den 30er-Jahren entsteht das Kernstück seines Werks - eine ganze Reihe von Filmen, die sowohl seine künstlerische Vielseitigkeit wie auch seine politische Haltung belegen:

Die böse Gesellschaftskomödie Boudu sauvé des eaux (1932), die die bürgerlichen "Retter" eines Clochards demaskiert; das Drama Toni (1934), das, mit Laien in Südfrankreich gedreht, gewissermaßen den Neorealismus vorwegnimmt; das Anti-Kriegsdrama La Grande Illusion (1937), das ebenso auch großes Schauspielerkino ist und Studie von Klassenverhältnissen wie La Bête humaine (1938), der nach Emile Zola eine gewaltige, schicksalhafte Liebesgeschichte erzählt.

Unmittelbar danach folgt La Règle du jeu: Was als leichtes Salonstück mit intrigantem Liebesreigen beginnt, spitzt sich schnell zu einem lastenden Kommentar auf den (politischen) Opportunismus einer herrschenden Klasse zu. 1940 emigriert Renoir in die USA. Als er in den 50er-Jahren nach Frankreich zurückkehrt, hat die kommende Generation von Filmemachern um den Kritiker André Bazin ihn bereits als eines ihrer Vorbilder und als einen veritablen "Autorenfilmer" entdeckt.

Dass seine Arbeiten auch heute noch Gültigkeit haben, lässt sich im Kino überprüfen. (Isabella Reicher, DER STANDARD, Printausgabe, 04.12.2006)

"le déjeuner sur l'herbe" und "la règle du jeu" sind wahre meisterwerke!

sehr zu empfehlen! :o)

Jean Renoir, das alte Evergreen

Wie hat er das nur gemacht, sich in die Evergreens der Filmgeschichte einzureihen? Und wer sind die anderen?

DIE königin

muss man sehen

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