Österreich: Nur Banken haben Einblick

8. Februar 2007, 14:01
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Die Schulden Privater sind hierzulande nur bedingt öffentlich - Zahl der Insolvenzen steigt

"Das österreichische System ist eigentlich sehr ausgewogen", sagt Hans-Georg Kantner, Leiter der Insolvenzabteilung im Kreditschutzverband (KSV) im STANDARD-Gespräch, "zu den Schuldnerdaten von Privaten haben eigentlich nur jene Zugang, die auch ein berechtigtes Interesse haben." Sprich: Banken und Leasingunternehmen dürfen in die Kreditsituation jener Menschen genauer beäugen, die bei den Geldinstituten etwa um einen Darlehen ansuchen. Als Privatperson kann man hierzulande hingegen im Normalfall nicht in die Verschuldungssituation des Nachbarn reinschauen, nur weil man wissen will, wie sich dieser den großen Wagen vor der Haustür leisten kann.

Im wesentlichen gibt es in Österreich mehrere Kanäle, über die Verschuldung und Zahlungsmoral von Privatpersonen Auskunft zu bekommen - diese sind aber, wie gesagt, nicht alle für jedermann zugänglich:

  • Das Grundbuch: Ist für jeden offen, darin sind Hypothekarkredite von Haushalten vermerkt. In Deutschland dagegen müsste schon ein "bescheinigtes Interesse" bestehen, um das Grundbuch einsehen zu dürfen.

  • Die Konsumentenkredit-Evidenz: Wird vom KSV geführt, darin haben nur Banken und Leasingunternehmen Einblick, und auch nur dann, wenn eine Privatperson um einen Kredit bei einem Institut konkret ansucht (die Zustimmung zur Datenfreigabe und zur Überprüfung ist auch in den Antragsformularen vermerkt). Versicherungsunternehmen dürfen die Evidenz nur verwenden, wenn es um ihr Darlehengeschäft geht. Alle anderen Unternehmen wie etwa Handynetzbetreiber oder der Versandhandel, haben kein Recht dazu. Die Evidenz gibt es in ihrer Grundform bereits seit 1964, mit der Einführung des Datenschutzrechts 1980 und dessen Novellierung 2000 wurden die Rechte der Schuldner gestärkt.

  • "Schwarze Listen": Der KSV führt sowie einige andere Gläubigerschützer führen "Negativdatenbanken", in den vermerkt wird, wann jemand einen geschuldeten Geldbetrag trotz zweimaliger Mahnung nicht bezahlt hat. Diese Datenbanken werden von Vertragspartnern der Kreditschützer wie Online- und Versandhandel, Telekommunikationsfirmen und Baumärkten abgefragt.

    In Österreich ist die Zahl der Insolvenzen steigend (siehe Grafik). Auch der Verschuldungsgrad der Haushalte (gemessen am Nettoeinkommen) wird seit Mitte der 90er Jahre größer, derzeit sind es rund 70 Prozent. Dabei nahm der Anteil an Fremdwährungskrediten (Dollar, Yen, Franken) in den Haushalten stark zu. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.12.2006)

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      grafik: standard
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