"Herrl mit kupiertem Schwanzerl am Cabernossa-Gang"

16. Jänner 2007, 09:05
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StenoghraphInnen sind stille Zeugen des lauten Ge­schehens im National­rat - Ein Blick hinter die Kulis­sen eines anonymen Berufes

Ephraim Kishon hat ihre Arbeit durch den Kakao gezogen, Charles Dickens war einer von ihnen und Nationalratsabgeordnete verfluchen nicht selten ihre Anwesenheit: ParlamentsstenographInnen. Im österreichischen Parlament ist ein Team von zehn StenographInnen unter der Leitung von Brigitte Gradischnik-Schanner am akribischen Werk. Hinter den Kulissen und doch mitten drin im politischen Geschehen des Landes zeichnen die StenographInnen präzise die Reden der ParlamentarierInnen auf, sind stille Zeugen der Untersuchungsausschüsse und fassen die dort stattfinden Diskussionen zusammen. "Stenographieren tun wir aber längst nicht mehr", räumt Gradischnik-Schanner mit einem gängigen Vorurteil auf. "Unser Büro ist papierlos, alle Arbeiten werden auf dem PC durchgeführt".

Eine Stunde ergibt 30 Word-Seiten

Und dass die Arbeit der "StenographInnen" eine anstrengende ist, bezweifelt niemand. Protokolliert wird in Schichten. Im 20-minütigen Turnus wechseln sich die KollgeInnen ab, 20 Minuten, die die Konzentration bis aufs Äußerste strapazieren. "Eine Redestunde bedeutet durchschnittlich 30 Word-Seiten", gibt Gradischnik-Schanner zu bedenken und illustriert gleichzeitig, welche Wust an mittlerweile elektronischer Information die ParlamentsschreiberInnen tagtäglich produzieren.

Material, das nicht nur parlamentsintern oder für JournalistInnen von großem Nutzen ist. Die ParlamentsschreiberInnen hinterlassen in Form ihrer Protokolle auch historische Dokumentationen.

Sprachaufzeichnung

Wer die Protokolle kennt, weiß, wie amüsant diese mitunter sein können. Was vor allem an den Zwischenrufen der ParlamentarierInnen liegt. "Die werden natürlich auch aufgezeichnet", so Gradischnik-Schanner, "und das passiert tatsächlich nach der guten alten Stenographie-Methode. Sich allein auf die Tonbänder zu verlassen, wäre nicht vollständig, bei Zwischenrufen steigt das Sprachaufzeichnungssystem aus."

Nach den Sitzungen werden Rohentwürfe, die eine Schreibkraft mittels digitalem Aufzeichnungssystem anfertigt, mit den Aufzeichnungen der StenographInnen verschmolzen. Vollkommen "Eins zu Eins" kann die gesprochene Sprache einer mehr oder wenigen freien Rede natürlich nicht verschriftlicht werden. "Der Inhalt soll doch zumindest logisch sein und grammatikalisch stimmen," erklärt Gradischnik-Schanner den mühevollsten Teil ihrer Arbeit.

Gesetze der Sprache

Was natürlich heißt, dass die StenographInnen nicht nur in der deutschen Sprache absolut sattelfest sein müssen, sondern auch im aktuellen politische Diskurs. "Sonst weiß ich ja nicht, welche inhaltliche Aussage tatsächlich hinter dem einen oder anderen gestammelten Halbsatz steckt." Also wird dort den Gesetzen von Sprache, Grammatik und Stil angepasst und hier eine Peinlichkeit unter den Tisch fallen gelassen. Das allerdings immer mit viel Fingerspitzengefühl, um auf keinen Fall Inhaltliches zu verfälschen oder dem Text eine eigene Note aufzuzwingen.

Rhetorische Schmankerl

Gradischnik-Schanner erinnert sich an etliche rhetorische Schmankerl, die mitunter Heiterkeitsanfälle im Nationalrat nach sich zogen. "Jeder kennt ein Hunderl oder ein Herrl, dessen Schwänzchen kupiert ist, ..." habe sich ein/e Abgeordnete/r zum Beispiel einmal schwer getan, das passende Verb mit dem passenden Objekt zu vereinen. Solche peinlichen Schnitzer streiche man aus dem Protokoll, erklärt die Chefstenographin.

Auch Aussagen wie "20 Prozent, also genau ein Viertel" werden gnädig korrigiert. Ein bisserl ausgebessert wird auch, wenn einer der Abgeordneten "wörtlich aus dem Gedächtnis zitiert" oder sich eine Argumentation darauf stützt, dass sich in den letzten Jahren "die Toten auf der Straße vermehren". Dass der Inhalt einer Wurst nicht zu "75 Prozent aus Österreich bestehen" kann, ist auch klar und von einem "Cabernossa-Gang" hat kaum jemand schon gehört. Von wem denn die amüsanten Versprecher gewesen seien? Keine Chance, Gradischnik-Schanner würde ihre "Quellen" niemals preis geben. ParlamentsstenographInnen sind diskret und halten sich im Hintergrund.

Politische Zurückhaltung

Das gilt auch für die eigene politische Meinung. "Natürlich hat man oft das Bedürfnis, sich inhaltlich in die Diskussionen einzumischen", so Gradischnik-Schanner. "Als Stenographen sind wir allerdings für alle da." "Alle" waren im Laufe der Karriere von Brigitte Gradischnik-Schanner sehr viele.

Seit 1973 arbeitet die studierte Historikerin als Stenographin, eingestiegen ist sie in der Ära Kreisky. Ob sich das Geschehen in all den Jahren verändert hat? "Die Sprache ist schlampiger geworden", beobachtet Gradischnik-Schanner, und statt lateinischer würden jetzt häufiger englische Zitate verwendet. "Zustände wie in der Knesset" habe sie aber nur einmal fast erlebt: Da habe ein Bautenminister der ÖVP sich so sehr über einen Kollegen aus der SPÖ aufgeregt, dass die beiden Kampfhähne getrennt werden mussten. "Pärchen, die sich partout nicht ausstehen können, gibt es aber in jeder Periode." (Manuela Honsig-Erlenburg)

  • Papierloses Büro: Protokolle oder Zusammenfassungen von Nationalratssitzungen oder Ausschüssen werden nur mehr online zur Verfügung gestellt. Brigitte Gradischnik-Schanner leitet das Team der "Stenographinnen".
    foto: derstandard.at/honsig

    Papierloses Büro: Protokolle oder Zusammenfassungen von Nationalratssitzungen oder Ausschüssen werden nur mehr online zur Verfügung gestellt. Brigitte Gradischnik-Schanner leitet das Team der "Stenographinnen".

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    Zwischenrufe werden ebenso protokolliert ...

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    ... wie Schilder, ...

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    ... und andere demonstrative Stellungnahmen.

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    Im Parlament amüsiert man sich über rhetorische Schmankerln der KollegInnen ....

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    ... oder verzweifelt an ihnen.

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    Nicht jede Sitzung sorgt für Kurzweil.

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    Publikum auf der Tribüne. Ihre Zwischenrufe bleiben meist unprotokolliert.

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