Lebenskunde gegen das Virus

30. November 2006, 21:27
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Uganda: Ein Lokalaugenschein bei Waisen, die ihre Eltern an Aids verloren haben

Rudolf Nagiller, Publizist und Aids-Sonderbeauftragter der Unicef, reiste durch Uganda. Ein Lokalaugenschein bei Waisen, die ihre Eltern an Aids verloren haben.

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"Mach's gut, und geh ja nicht weg vom Bananenacker, weil ihn sonst die Nachbarn in Besitz nehmen, und du hast ihn für immer verloren." Das schärfte der schon dahinsiechende Vater seinem Sohn immer wieder ein: irgendwo auf dem Land in Uganda. Schließlich unterlag der Mann dem Aidsvirus, und bald folgte ihm seine Frau. Der Sohn gehorchte: Er hauste mit seiner Schwester weiter in der Lehmhütte, umgeben vom Acker, der so groß wie zwei Fußballfelder war. Der Bub war sieben, das Mädchen fünf.

Sheila von Unicef Uganda erzählt mir das, während wir durch den weit abgelegenen Kamwenge-Distrikt fahren: "Ich fragte den Siebenjährigen vor der Hütte, wo seine Eltern sind", erinnert sich Sheila. "Er sagte, 'da drüben', und ich drehte mich um, weil ich glaubte, sie stünden hinter mir. Aber zu meiner Überraschung sah ich nur zwei Gräber: ein frisches und eines, das vielleicht ein paar Monate alt war. Ich war entsetzt und erkundigte mich bei den Nachbarn, warum sie die Kinder nicht aufgenommen hatten. 'Weil sie nicht bereit waren wegzugehen', entgegnete man mir.", so Sheila.

Waisenhaushalte sind in Afrika, wo Millionen Mütter und Väter an Aids zugrunde gehen, nichts Besonderes. Mit Hilfe kleiner, lokaler Unterstützervereine kümmert sich Unicef um sie: Wir besuchen mehrere auf unserer Fahrt. Meistens hat irgendein alter Verwandter die Oberaufsicht. Wenn nicht, dann ist ein Waise doch mindestens im jugendlichen Alter. Aber einen Kinderhaushalt mit einem Sieben- und einer Fünfjährigen ganz allein, das hatte auch Sheila noch nicht gesehen.

Der Kamwenge-Distrikt, durch den wir auf Staubstraßen holpern, ist ungefähr so groß wie Vorarlberg, und er hat 300.000 Einwohner. "Aber nur einen Arzt!" – Ich glaube, mich verhört zu haben. "Yes, yes, only one doctor", wiederholt der Distriktsbeamte.

Dem wunderbar grünen Land mit den drei Meter hohen Bananenstauden, hinter denen sich kleine Lehmhütten verstecken, ist das menschliche Drama nicht anzusehen: Mehr als jeder zehnte Erwachsene hat hier das Virus. Viele sterben im besten Elternalter und machen ihre Kinder zu Waisen: 15.000 sind es im Kamwenge-Distrikt, jedes zehnte Kind. Eine menschliche Tragödie und eine wirtschaftliche Last.

Ein Waisenhelfer-Zentrum in Kiyombya: Mehrere Erwachsene sowie dutzende Kinder und Jugendliche – alle Halb- oder Vollwaisen – wollen uns zeigen, wie sie ihr Leben meistern. Geschlafen wird bei Verwandten oder Bekannten im Umkreis von mehreren Kilometern. Die Kleinen sind während des ganzen Tages hier im Zentrum, einem lang gestreckten Lehmhaus, umgeben von dichtem Grün. Nach der Schule kommen dann auch die Jugendlichen, und die Erwachsenen vom Waisenhelferverein bringen ihnen nach dem Essen Praktisches bei: Schweine und Ziegen halten, Bananen und Maniokwurzeln anbauen, Lehmziegel formen und brennen, Möbel tischlern, Kleider nähen. Ja, und natürlich so etwas wie Lebenskunde gegen das Virus: Abstinenz, Treue, Kondome.

Auf eigenen Beinen

Es ist dies eines von zwanzig Waisenzentren, die in diesem Distrikt von Unicef unterstützt werden. "Was kostet das?", frage ich Douglas von Unicef Uganda. "Wir wollen diese Zentren nicht auf Dauer durchfinanzieren", erklärt er mir, "vielmehr wollen wir ihnen helfen, damit sie auf ihre eigenen Beine kommen. Wir finanzieren die Startausstattung wie Saatgut, Jungtiere, Werkzeuge, Nähmaschinen, Zubehör, und wir trainieren die älteren Jugendlichen und die erwachsenen Helfer. Das kostet für so ein kleines Zentrum im ersten Jahr 2000 Euro, im zweiten etwas weniger, und dann brauchen sie uns nur noch gelegentlich, und wir können anderen helfen."

Die Jugendlichen zeigen, wie geschickt sie sind. Für ein Bananenbündel mit fünfzig oder mehr Früchten erlösen sie einen Euro. Aber sie verkaufen nicht nur die Früchte: Aus anderen Teilen der Bananenstaude erzeugen sie alles Mögliche: Schnüre, Material zum Dachdecken und sogar Seife. Und voll Stolz zeigt mir die Vereinsobfrau einen Acker, auf dem sie kniehohe Büschel anbauen. Daraus werden Medikamente gegen Malaria gemacht: drei Ernten im Jahr, zusammen 200 Euro.

Ein paar Fahrstunden weiter: die Ntara-Klinik. Klinik? Das ist ein großes Wort: Es gibt hier keinen Arzt, nur eine Hebamme und ein paar Helfer. Viele Medikamente finanziert Unicef, vor allem jene, die verhindern können, dass das Virus von der Mutter auf das Baby übertragen wird.

Dazu gibt es Verhaltensregeln: Höchste Vorsicht während der Geburt, Medikamente davor und für Monate danach für Mutter und Kind, Vorschriften beim Stillen. Erst nach ein bis zwei Jahren wird klar, ob das Baby Glück hatte. Meistens klappt es, aber nicht immer. Viele Frauen werden gar nicht erreicht.

"Beim Impfen gegen Polio, Diphtherie, Masern oder TBC tun wir uns leichter", erzählt mir die Hebamme, "da müssen die Leute nur einmal kommen. Und es gibt kein Stigma wie bei Aids. Aber wir geben nicht auf." Diese Einstellung beeindruckt mich: "Afrika hat Riesenprobleme", wende ich mich an Douglas, "aber diese Fahrt vermittelt mir nicht das Bild, das oft in Europa gezeichnet wird." "Gerade wir in Uganda haben ein herrliches und fruchtbares Land, Sonne und Regen, die Menschen sind eigentlich glücklich", bestätigt er. "Wir sind nur arm, und wir haben zwei große Feinde: den Untergrundkrieg im Norden und HIV/Aids." Dieser Krieg ist kaum zu durchschauen. Doch es gibt seit einiger Zeit Verhandlungen, also Hoffnung – ein Wort, das Douglas oft wiederholt. Der Kamwenge-Distrikt, durch den wir fahren, ist im Südwesten. Der Krieg spielt hier wirklich keine Rolle. Andererseits sind das HI-Virus und Aids hier mit elf Prozent stärker verbreitet als im ugandischen Durchschnitt: Dieser liegt bei sieben Prozent.

Sieben Prozent sind schlimm genug. Dennoch ist Uganda mit diesen Werten in Afrika ein Vorzeigeland, eines der wenigen, dem es in den letzten Jahren gelungen ist, den Prozentsatz zu drücken, weil sich die Politiker dem Problem schon früh gestellt haben. Für die Menschen, vor allem die Kinder und die Waisen, sind Statistiken nicht wichtig: Sie brauchen Hilfe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.12.2006)

  • Rudolf Nagiller vor Ort im Gespräch mit Helfern und Hilfsbedürftigen.
    foto: unicef

    Rudolf Nagiller vor Ort im Gespräch mit Helfern und Hilfsbedürftigen.

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