"Bösartiges" Gelenksrheuma

10. Juli 2007, 15:19
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Entzündliches Rheuma kann rasch zur Gelenks­zerstörung führen, nur Wenige finden den Weg zum Rheumatologen, der helfen kann

Wien - Wenn alle bisher bekannten Medikamente zur Behandlung einer schweren chronischen Polyarthritis (cP, "Gelenksrheuma", rheumatoide Arthritis - RA) keine ausreichende Wirkung haben, gibt es jetzt eine Behandlungsalternative: ein Arzneimittel mit monoklonalen Antikörpern als Wirkstoff, welche gezielt die B-Lymphozyten bei den Patienten für deren Ausschaltung markieren. Damit lässt sich doch noch bei 20 bis 30 Prozent der Kranken eine deutliche Besserung herbeiführen, erklärten österreichische Experten bei einem Hintergrundgespräch in Wien.

Wenige bei Rheumatologen in Behandlung

Das größte Problem aber liegt darin, dass in Österreich nur ein Bruchteil der Betroffenen bei Rheumatologen in Behandlung ist. "Von den rund 60.000 Personen mit chronischer Polyarthritis sind bestenfalls 20.000 unter Kontrolle eines Rheumatologen. Das sind höchstens 20 bis 25 Prozent", sagte Josef Smolen, Vorstand der Klinischen Abteilung für Rheumatologie am Wiener AKH.

Beschleunigte Atherosklerose

Gelenksrheuma ist eine durchaus bösartige Erkrankung. Ludwig Erlacher, Chef der zweiten Medizinischen Abteilung am SMZ-Süd in Wien: "Beim entzündlichen Rheuma kann es rasch zur Gelenkszerstörung kommen. Die Betroffenen sterben fünf bis zehn Jahre früher." Schuld ist vor allem eine offenbar beschleunigte Atherosklerose bei diesen Menschen.

Mit schmerzhafter Gelenksschwellung zum Arzt

Stellt sich an einem Gelenk eine Schwellung ein, die schmerzt und länger anhält, sollte möglichst bald der Arzt aufgesucht werden. Die chronisch entzündliche Gelenkserkrankung kann nämlich sehr schnell fortschreiten. Einmal erlittene Schäden sind de facto nicht mehr reparabel. Burkhard Leeb, Abteilungsvorstand am Niederösterreichischen Zentrum für Rheumatologie in Stockerau: "Die Progressionsrate ist hoch. 40 Prozent der Patienten haben schon innerhalb der ersten sechs Monate Gelenksschäden, 60 Prozent innerhalb eines Jahres."

Medikamentöse Therapie

Auf jeden Fall muss neben eventuellen Schmerzmitteln auch möglichst schnell eine medikamentöse Therapie erfolgen, welche den Krankheitsverlauf bremst. Dies geschieht mit "Basistherapeutika" wie Methotrexat, Sulfasalzin, Chloroquin beziehungsweise Leflunomid. Ist eine Substanz nicht ausreichend, sollte kombiniert werden. Reicht auch das nicht aus, gab es in den vergangenen Jahren mit Biotech-Medikamenten zur Unterdrückung des stärksten körpereigenen Entzündungsmediators - Tumornekrosefaktor alpha (TNF-alpha) - einen wesentlichen Fortschritt. Auch sie sollten in Kombination mit einem Basistherapeutikum eingesetzt werden.

Anitkörperpräparat Rituximab

Das Manko laut Leeb: "Nur 40 Prozent der Patienten haben mit solchen TNF-alpha-Blockern eine signifikante Reduktion der Krankheitsaktivität." Für sie gibt es aber seit etwa einem halben Jahr eine weitere Therapiemöglichkeit: Das aus der Lymphom-Behandlung stammende und vom Schweizer Pharmakonzern entwickelte Antikörperpräparat Rituximab ("MabThera").

B-Zellen - Bedeutung bei der Entstehung der CP

Dabei handelt es sich um monoklonale Antikörper, die am CD20-Oberflächenprotein der B-Lymphozyten binden. Diese werden nach der Markierung durch die Antikörper vom Immunsystem gezielt ausgeschaltet. Bei B-Zell-Lymphomen ist das erwünscht, weil sie sich im Rahmen dieser Form von Blutkrebs krankhaft vermehren. Die B-Zellen spielen aber offenbar auch eine bedeutende Rolle in der Entstehung der chronischen Polyarthritis. Während TNF-alpha relativ spät in der Kaskade der entzündlichen Erkrankung auftaucht, sind die B-Zellen schon am Beginn der Erkrankung beteiligt. (APA)

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    "Investitionen in die Rheumatherapie sind eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit." Josef Smolen, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation

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