Wanderung in die ewige Nacht

10. Juli 2007, 12:16
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Lappland erfüllt alle Klischees - klirrende Kälte, ewige Dunkelheit und Rentiere. Eine Skitour bewegt sich an der Grenze des Möglichen

Es ist 10 Uhr Abends und unser Finnair Airbus setzt auf der tief verschneiten Landebahn von Ivalo, dem nördlichsten Flughafen Finnlands, auf. Ein Schritt aus dem Flugzeug und man ist in einer anderen Welt - einer Welt aus Eis und Schnee. Minus 15°C, Schneetreiben und Eisskulpturen am Flughafengelände begrüßen die Besucher aus dem Süden. Die nächsten fünf Tage werden wir die einsamen Wälder Finnlands mit Skiern bereisen. Die Wahl unserer Schitour fiel auf den Urho-Kekkonen-Nationalpark, südöstlich des Touristenstädtchens Saariselkä. In diesem Nationalpark gibt es ein gut ausgebautes System von Selbstversorgerhütten, welche das Reisen im Winter deutlich erleichtert.

Die richtige Ausrüstung

Die Ski sind das wichtigste Utensil dieser Reise. Für eine Tour in die unverspurten Wälder Finnlands sind die finnischen Jagdski das beste Fortbewegungsmittel. Diese breiten, langen und leichten Ski mit Telemarkbindung helfen einem, schnell und ohne tiefes Einsinken, durch Lapplands Wälder zu kommen. Als Schischuhe fungieren weiche Plastikstiefel mit einer dicken Filzfüllung, die einem zwar keinen Halt für Abfahrten geben (was bei den finnischen Höhenunterschieden sowieso nicht entscheidend ist) aber bequem sind und gut vor der Kälte schützen.

Ohne Kompass keine Orientierung

Nebel, Sturm und Schnee, das ist das Wetter am ersten Tag unserer Tour. Der Weg über die kahlen Fjellflächen ist eine Herausforderung. Man sieht kaum die Hand vor Augen und die Hauben und Gesichtsmasken sind an der Haut angeeist. Die Orientierung ist unmöglich und es lässt sich nicht einmal erahnen, ob das Gelände steigend oder fallend ist. Mittels Kompass gehen wir über zwei Stunden durch ein weißes Nichts bis wir auf die ersten verkümmerten Bäume treffen, welche im Nachbartal wachsen. Zwar ist der Sturm zwischen den Zwergbirken nicht so stark wie auf den Fjells und die Sicht in den niedrigeren Regionen wird auch besser, aber wir sinken trotz unserer über 2 Meter langen Jagdski tief in den lockeren Schnee ein, was uns gleich um eine Erfahrung bereichert: Das Vorwärtskommen über den windgepressten Schnee auf den Fjellen geht zwar viel schneller voran, als im lockeren Schnee in den Wäldern, dafür ist man auf den Fjellen Wind und Wetter ausgesetzt.

Um fünf Uhr erreichen wir schließlich in der Abenddämmerung die Hütte Soumunruoktu, wo uns gleich der Hüttenalltag einholt. Holz schneiden, Feuer machen, Wasser vom Wasserloch im Bach holen, kochen, den nächsten Tag planen und sich gut eingepackt vor die Hütte setzen um den wunderbaren Schauspiel der Nordlichter beizuwohnen.

Thermometer im Kältestreik

Die nächsten Tage geht es von Hütte zu Hütte. Unsere Route führt uns durch dichte Waldgebiete in den Flusstälern, als auch über unwirtliche Hochflächen. Das Schwierigste bei all dem ist und bleibt die Orientierung. Das flache Terrain sowie die wenig markanten Geländepunkte bieten nur schlechte Orientierungsmarken. Wenn man Glück hat, findet man in den Wäldern noch alte Spuren von anderen Schifahren, welche dann interessanterweise auch von den Rentieren genutzt werden und so oft über längere Zeit sichtbar bleiben. Es entsteht sozusagen eine Art Symbiose zwischen den Schifahren und den Rentieren. Die Rentiere nutzen die Spuren der Schifahrer um nicht so tief einzusinken, und der Rentierverkehr hält die Spur länger offen.

Aufgrund der Schwierigkeiten bei der Orientierung, muss man auch unbedingt darauf vorbereitet sein, die Nacht im Freien zu verbringen. Auch Wetterumschwünge, Verletzungen oder abgebrannte Hütten können Ursachen für eine erzwungene Nacht im Schnee des hohen Nordens sein. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, Zelt, Kocher, Daunenschlafsäcke und ein Axt für Feuerholz im Rucksack dabei haben. Vor allem die Kälte kann ein ernsthaftes Problem für eine Nacht im Freien darstellen. So zeigte am letzten Morgen das Thermometer -42°C (bevor die LCD Anzeige vollkommen den Geist aufgab) und man kann sich schon ausmalen, wie gemütlich eine Nacht bei solchen Temperaturen aussehen kann. Mein persönlicher Tipp: raus aus den Tälern, wo sich in windstillen Nächten ein bodennaher Kaltluftsee bildet und so die Temperatur auch deutlich unter -40° fallen kann!

Rutschpartie nach Tromsø

Der Winter in Lappland bietet jedoch nicht nur für Schifahrer einiges an Abenteuern. Auch Fahrten mit dem Auto sind für einen nicht Schnee erprobten Mitteleuropäer (bzw. selbst für Schnee erprobte) eine Herausforderung. Man kann eine Woche durch Lappland fahren ohne auch nur andeutungsweise Straßenasphalt zu sehen. Die Straßen sind von einer dicken Schnee- und Eisschicht bedeckt und ohne Spikes liegt man schon bei 30km/h im nächsten Straßengraben. Daher wird man in Lappland auch keinem einzigen Auto ohne Spikereifen begegnen. Und so geht es mit den wild bespikten Reifen mit über 100km/h über verlassene Landstraßen durch Lappland (man frage nicht nach dem Bremsweg).

An der norwegischen Küste angekommen, ist Tromsø ein Pflichtstopp. Diese Stadt im Norden war früher der Ausgangspunkt der Nordmeer- und Nordpolexpeditionen und hat sich bis heute sein ursprüngliches Flair erhalten können. Bunte Holzhäuschen und ein für den Norden reges Leben, aufgrund der vielen dort lebenden Studenten, bieten eine willkommene Abwechslung zur Einsamkeit der finnischen Wälder.

Am nördlichsten Zipfel Europas

Weiter nach Norden geht es auf der Europastraße 6 entlang der Fjorde bis zum Nordkap. Die E6 ist großteils die einzige Verbindungstrasse Norwegens aber trotzdem kommt es im Winter häufig vor, dass diese Straße aufgrund von Schneeverwehungen und Lawinen gesperrt ist. Oft gibt es über gewisse Abschnitte einen sogenannten Kolonnenverkehr. Das heißt, dass die Straße nur zu bestimmten Zeiten geöffnet ist und man zu dieser Zeit in einer, von einem Schneepflug eskortierten Kolonne, diesen Straßenabschnitt passieren kann. Die Fahrplanzeiten für die Kolonnenabschnitte sind bei der Straßenwacht abzufragen.

Das Nordkap ist im Winter nur in den seltensten Fällen erreichbar. So war die Straße nach Skarsvågen, nahe dem Nordkap, erstmals seit einer Woche wieder geöffnet. Davor war das idyllische Fischerdorf nur per Schneemobil erreichbar. Das Nordkap selbst ist entweder nur per Schneemobil oder per Ski erreichbar, wobei sich ein Besuch dieses (fast) nördlichsten Felsens Europas auf jeden Fall auszahlt. Man sieht nichts von den Touristenmassen im Sommer sondern kann die Einsamkeit und ursprüngliche Wildheit der Landschaft in vollen Zügen genießen … und wenn man Glück hat sieht man noch ein paar Wale unter sich im Nordmeer vorbeiziehen.

Text & Bilder von Stefan Eisenbach
Das Tagebuch dieser Tour sowie weitere Fotos gibt es auf der Homepage von Peter Eisenbach.
  • Das Nordkap ist der nördlichste Felsen Europas.
    foto: stefan eisenbach

    Das Nordkap ist der nördlichste Felsen Europas.

  • Eine Skitour durch Lappland sind geprägt von Einsamkeit und Stille - abgesehen von den brüllenden Schneestürmen.
    foto: stefan eisenbach

    Eine Skitour durch Lappland sind geprägt von Einsamkeit und Stille - abgesehen von den brüllenden Schneestürmen.

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