Ich habe Pudding gemacht!

9. März 2007, 15:20
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Eine Küchenmaschine, die als jüngstes "Must" für Edelköche gehandelt wird, wirbt damit, dass auch Küchen-Analphabeten damit richtig und gut kochen können

Vielleicht liegt es daran, dass Österreich südlich von Deutschland liegt. Oder höher. Schließlich hat uns damals, vor Jahren, schon unser Physiklehrer berechnen lassen, um wie viele Minuten früher die Wassermenge X verdampft ist, wenn man sie statt am Äquator am Nordpol zum Kochen bringt. Oder ging es um den Nachweis, dass – und warum – Essen am Mount Everest nie ganz durchgekocht werden kann? Weil dort oben das Wasser kocht und verdampft, bevor es 100 Grad hat, was etwa bei Kartoffeln dazu führt, dass . . . Lehrerschmonzes halt.

Mir war das immer egal. Vermutlich war das ein Fehler. Denn wenn ich als Teenager mein Sensorium dafür, wann Wasser wo wie kocht, geschult hätte, hätte ich mir diese Schlappe mit dem TM31 erspart. Weil ich dann gewusst hätte, dass Österreich nicht Deutschland ist – sogar dann, wenn es ums Wasserkochen geht: Wenn man eine Forelle in Wien 25 Minuten dämpft, bleibt weniger von ihr übrig, als die Kochanleitung des TM31 suggeriert. Und die stammt aus Deutschland.

Geschenkt. Denn zum Glück waren Severin Corti und Konstantin Filippou schon da. Und retteten mich. Allerdings nicht, weil der Standard-Restaurantkritiker und der Starkoch aus dem Novelli tolle Physiker wären, sondern weil sie kochen können. Ziemlich gut sogar: Jeder der beiden trug irgendwann in seinem Leben (Gault-Millau-)Hauben: Wie lange eine Forelle dampfen muss, wissen solche Leute. Im Gegensatz zu mir. Ich kann nämlich nicht kochen.

Genau deshalb sollte ich es aber tun. Kochen nämlich. Das hatte Corti so entschieden. Zwei Wochen, bevor er in meiner Küche stand: Es gäbe da eine Küchenmaschine, deren Hersteller behaupten, dass damit jeder kochen könne, hatte Corti gesagt. Ganze Menüs. Komplex und dennoch deppensicher. Das, so Corti, gelte es zu veri- oder falsifizieren: Ich solle kochen, er und Filippou würden essen. Ich zeigte Corti den Vogel. Corti griff zum Telefon, rief die Firma Vorwerk an und und machte einen Liefertermin für den Thermomix TM31 aus.

Mit dem Pudding starten

Mit der Maschine kam ein Kochbuch. Das schnappte sich Corti. Zum Aussuchen. Währenddessen zeigte mir der Vertreter das Werkel: Er warf Zeug in den einen – einzigen – Topf, drückte Tasten, drehte Knöpfe. Dann füllte er Zabaglione in Gläser: cremig, leicht, duftig – wie Zabaglione sein soll. Sagte Corti.

Dass der Vorführer Brauchbares gezaubert hatte, beeindruckte mich mäßig: Ich sehe ja auch "Grey´s Anatomy" – und würde trotzdem eher keinen Hirntumor operieren. Corti aber verlangte drei Gänge. Aus dem Buch: Paprikacremesuppe. Forelle blau mit Kartoffeln, Gemüse und Sauce Hollandaise. Schokoladepudding. Aus Schokolade. Dazu Laugenbrezeln. Ich begann hysterisch zu lachen. Corti riet mir, mit dem Pudding zu starten.

Die Maschine, das hatte ich verstanden, ist im Prinzip mehrere Geräte in einem: Mixer, Waage und Wasserkocher. Bei Letzterem lassen sich Zeit und Temperatur präzise einstellen. Ein Dämpf-Aufsatz passt oben drauf – und unten rotiert das Messer. Immer. Niedertourig verhindert es Anbrennen und schlägt Schaum. Im Vor- und Rückwärtsgang knetet es. Mitteltourig hackt, püriert und mixt es. Höchsttourig pulverisiert es. Alles. So hatte es der Vertreter gesagt.

Daheim, am Tag des Vorkochens, setzte ich hier an: Ich füllte Kristallzucker ein – acht Sekunden später (und nach dem Öffnen des Deckels) waberten Zuckernebel durch meine Küche. Cool. Dann machte ich mich an den Pudding. Grammgenau, streng nach Kochbuch kippte ich Ingredienz um Ingredienz in den Topf. Ich drückte den 60-Grad-Knopf, wählte die vorgeschriebene Drehzahl, stellte die Uhr – und dann war ich baff: Ich hatte Pudding gemacht. Echten Pudding. Aus Schokolade. Ohne Patzen, Anbrennen, Spritzen und Bröckeln. Ohne zu rühren. Aber auch ohne zu denken. Und ebenso rasch, wie meine Euphorie gekommen war, verflog sie auch wieder: Ich war der Bedien-Automat eines Koch-Automaten.

Ich begann jene Kollegin zu verstehen, die bei der Vorführung des Gerätes trocken gemeint hatte: "Das ist nicht Kochen." Auf Nachfrage hatte sie präzisiert: Wenn das hier (Fingerzeig auf die Maschine) Kochen sei, wäre Malen nach Zahlen ein schöpferischer Akt.

Nichtkoch-Saustall

Egal: Ich fühlte mich zumindest sicher und machte mich an die Suppe. Nach Vorschrift. Dann kamen die Brezeln. Ich warf Material ein. Kneten und Rühren übernahm die Maschine. Der Teig ging von selbst, dann war ich dran: formen, in-Lauge-halten, Backrohr. Binnen Minuten war meine Küche der typische Nichtkoch-Saustall.

Der Hauptgang: Kartoffeln, Gemüse und Forellen bekam ich wie angewiesen in die Alles-in-Einem-Position der Maschine. Ich schaltete auf "Dampfgaren", gab die Garzeit ein – und mein Publikum brach in warnendes Geheul aus. Zum Glück. Und weil sie mich eh schon unterbrochen hatten, mischten sie sich auch beim Würzen und bei der Sauce Hollandaise ein: französischer Senf statt der Suppenwürfelorgie aus dem Buch. Würzen nach Gefühl statt deutscher Normvorgabe.

Der Unterschied war schmeckbar: Essbar war alles. Die Suppe war zwar unendlich fad, aber die Brezeln überraschten positiv. Die Sauce Hollandaise konnte echt was. Forellen, Gemüse und Kartoffeln war kein Unterschied zu den als Referenzware im "echten" Dampfgarer gegarten Fischen und Beilagen anzuschmecken. Und der Pudding war Spitze – allerdings hatte ich beim Einkaufen geschummelt und statt Kochschokolade High-End-Bitterschokolade gekauft. Ohne Maschine wäre ich aber sogar an der Suppe gescheitert.

Freilich: Die Frage, ob ich da nun tatsächlich gekocht hatte, quälte mich. Doch Filippou verweigerte die Antwort: Darüber könne oder müsse man philosophieren. Aber, bitte, nicht jetzt. Was ihn nämlich gerade weit mehr interessiere, sei der Puddingrest. Weil der nämlich wirklich super geworden sei.

Auch in der Spitzenkochwelt, erklärte der Novelli-Koch während er die Reste verputzte, sei ein Leben ohne TM31 kaum mehr vorstellbar. Er selbst habe "ein paar dutzend Rezepte" für Emulsionen und Patisserien in der Tasche: Die Option, die Temperatur konstant zu halten, erschließe Neuland. Im Profi-Alltag gehöre das Gerät daher mittlerweile zur Grundausstattung. Nicht nur, um beim Temperatur-Halten-und-Rühren Köpfe und Hände frei zu haben: In der hippen spanischen Küche etwa werde massiv auf das Pulverisieren und Emulgieren von so ziemlich allem gesetzt, um neue Geschmacksvarianten zu ermöglichen. Überdies ließen sich Substanzen zaubern, mit denen der Koch Architekt spielen könne – und das sei dann Kunst. Kochkunst. Also gerade noch Kochen. (Thomas Rottenberg/Der Standard/Rondo/01/12/2006)

Vorwerk Thermomix TM 31
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  • Ideal für die Extremisten in der Küche, also die Nicht- und die Profiköche
    foto: hersteller

    Ideal für die Extremisten in der Küche, also die Nicht- und die Profiköche

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