Fang den Blick!

18. Jänner 2007, 13:04
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Armbanduhren mit dem Durchmesser von Gurkengläsern sind keine Seltenheit mehr - Männer protzen schon länger mit den großen Dingern, jetzt kommt auch die Damenwelt auf den Geschmack

Mit Armbanduhren ist es so wie mit dem Ozonloch. Sie werden immer größer, unaufhaltsam. Gehäusedurchmesser von 45 Millimeter sind heute keine Seltenheit mehr, und ein Modell wie die "Airman7Crosswise" von Glyzine schafft es sogar auf 53 Millimeter - eine Art Hummer-Car fürs Handgelenk. Ein Blickfang auf jeden Fall. Um sich diese Dimensionen zu verdeutlichen, kann man einen verbreiteten österreichischen Klassiker aufs Gelenk setzen und hinterher den Abdruck studieren: 55 Millimeter entsprechen dem Durchschnitt eines Achterls.

Aber wer braucht schon einen solchen Koloss namens Armbanduhr? Wenige Zeitgenossen finden sich regelmäßig in der Situation wieder, dass die Sicht im Cockpit oder am Meeresboden dermaßen getrübt ist, dass ein überdimensioniertes Zifferblatt am Handgelenk notwendig wird. Eher wird die Beleuchtung im Stiegenhaus wieder einmal ausgefallen, der Träger kurzsichtig oder unkonzentriert sein. Oder er/sie ist bloß mausgrau und wird von den Mitmenschen übersehen. Da könnte eine XL-Uhr mit dem Durchmesser eines Gurkenglases womöglich ein willkommener Blickfang sein ... In mancherlei Hinsicht führt die Spurensuche in puncto Protzuhren aber weder in den Luftraum noch in die Tiefen der Meere, sondern ins Nachbarland Italien.

Kokettierend mit der Nähe zum Bijoux definierte etwa der Hersteller Locman mit XL-Uhren die eigene Markenidentität - und eilte damit von Erfolg zu Erfolg. Doch auch Vollmitglieder der Haute Horlogerie, die ihr prinzipielles Augenmerk auf technische Entwicklung und immer neue mechanische Komplikationen - und damit notwendigerweise nach innen richten - entdeckten das Wachstum nach außen. Die Abmessungen der Modelle von Panerai lassen sich in Bausch und Bogen als opulent bezeichnen, während IWC - das mit dem Manufakturkaliber 51110 nach wie vor das größte automatische Uhrwerk stellt - zuletzt mit seiner "Großen Fliegeruhr" bereits in der Modellbezeichnung auf die beachtliche Abmessung von 46,2 Millimeter Durchmesser verweist.

Herrenuhren auch für Damen tragbar gemacht

Über die Crux der Größe plaudert man wohl auch in reinen Damenrunden. Sportliche Modelle von Carl F. Bucherer, Omega oder eben Panerai greifen seit Längerem die Mode auf, beeindruckend große Herrenuhren auch für Damen tragbar zu machen. Das verrät ein Blick auf die neueste Version des maskulinen TAG Heuer Modells Monaco, das allein durch die Ausstattung mit weißen Zifferblättern und Armbändern zur Damenuhr umfunktioniert wurde - ohne an der Technologie oder der Abmessung des ursprünglich für Herren konzipierten Uhrenmodells etwas zu verändern. Das mit 60 Baguette-Diamanten auf 46,6 Millimeter Durchmesser bestückte Modell Patravi Travel Tec GMT schlägt in dieselbe Kerbe: Selten zogen Diamanten größere Kreise am Handgelenk als hier.

Zeigen, was man hat und wie viel - das schafft fernab der reinen Millimeterjagd freilich auch jene Überdosis an Rädchen und feinmechanischer Mimikry, die Modelle mit durchbrochenem Zifferblatt durchblicken lassen. Doch auch das Gegenteil ist ein möglicher Weg: nämlich die Betonung ruhiger, leerer Fläche. Denn Größe hat auch etwas mit Weite zu tun - und Weite mit dem Pampas-Faktor, dem Unstrukturierten, Flächigen. Dass Leere Raum und ergo Größe schafft, verdeutlicht ein Blick auf die Classic Platinum Partrimony Vacher von Vacheron Constantin. Mehr Millimeter mit weniger Protzfaktor findet man nirgendwo. (Robert Haidinger/Der Standard/Rondo/01/12/2006)

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