Takahashis unheimliches Universum

9. März 2007, 15:16
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Mit seiner aktuellen Kollektion erregte Jun Takahashi vom Label Undercover die Modewelt - und bestätigte seinen Ruf als spannendster japanischer Designer der jüngeren Generation

Die 1980er-Jahre müssen eine heftige Zeit gewesen sein im Leben des Jun Takahashi. Sein Übername war Jonio Rotten, und die Band, deren Sänger er war, hieß Tokyo Sex Pistols. Zusammen mit seinen Kumpanen machte er seinen Vorbildern aus London Konkurrenz - allerdings mit einer Verspätung von über zehn Jahren. In seinem Leben sei das eine ziemlich negative Phase gewesen, sagt er, heute stehe er für "positiven Punk" - was wohl bedeutet, dass er nicht mehr selbst die Sicherheitsnadeln im Gesicht trägt, sondern die Models, die er auf den Laufsteg schickt.

Ein Punk ist Jun Takahashi immer noch - zumindest was seine Haltung gegenüber Mode anbelangt. Sie ist so radikal, wie man sie sonst nur von einigen Antwerpener (und Wiener) Designern kennt - oder von den japanischen Modemachern der ersten Generation. Mit ihnen - also mit Rei Kawakubo oder Yohji Yamamoto - hat Takahashi denn auch mehr als nur sein Herkunftsland gemein.

Tokio, an einem der letzten, schwülen Spätsommertage: Gleich neben Comme des Garçons' Corso-Como-10-Geschäft und Yamamotos Y3-Flagshipstore in Aoyama befindet sich Takahashis Tokioter Reich. Das Schaufenster, das bis vor Kurzem noch mit Stapeln zusammengelegter Kleidung verbarrikadiert war, ist jetzt ganz Star Wars gewidmet. Der De-signer hat seine Star-Wars-Figurensammlung geplündert und damit das Schaufenster vollgeräumt. Ein Setzkasten der nostalgischen und zugleich futuristischen Art.

Bondage-Elemente und radikaler Lagenlook

Das ist auch Takahashis Mode: Mit beiden Händen plündert er die Archive der Gegenkulturen - und macht daraus etwas vollkommen Neues. In Paris zeigte er das erste Mal im Herbst 2002 und avancierte im Westen mit seiner Mischung aus Bondage-Elementen, radikalem Lagenlook, dekonstruierten Schnitten und seiner ganz eigenen Interpretation von Schönheit zur aufregendsten Stimme der jüngeren japanischen Modemacher. "But Beautiful" hießen stimmigerweise bereits mehrere seiner Kollektionen.

In Japan hatte Takahashis Label Undercover bereits vor den Schauen in Paris Kultstatus und wurde von Rei Kawakubo von Comme des Garçons unterstützt, der Grande Dame des japanischen Designs. Als diese Anfang der Achtziger erstmals in Paris zeigte, revolutionierte das die gesamte Branche. Dafür oder dagegen, eine andere Haltung gab es damals nicht.

Eine Reaktion, die Undercover mit der radikalen diesjährigen Herbst / Winter-Kollektion ebenfalls auslöste. Man schickte tief vermummte Models über den Laufsteg, mit verbundenen, verhüllten Köpfen, samt unzähligen Piercings, an denen lange Ketten baumelten. Der dunkle, ganz auf Verhüllung getrimmte Zeitgeist schien seine perfekte Verkörperung gefunden zu haben. "Das ist die Essenz japanischer Coolness", urteilte die International Herald Tribune, andere lobten die radikale politische Sichtweise. Diese trieb Takahashi allerdings definitiv nicht um: "Es ist ein Gefühl für Schönheit, die für mich im Verhüllen und Verstecken liegt", erklärt er. Ein politischer Modemacher sei er nicht - auch wenn er im Westen als solcher interpretiert wird.

Hommage an den Trickfilmkünstler Jan Svankmajer

Takahashis Wurzeln liegen in der japanischen Mode, der die Zuschreibung von Bedeutungen durchwegs fremd ist. Jahrgang 1969, graduierte er 1991 an der Tokioter Bunka-Modeakademie. Undercover gründete er schon Jahre vor seinem Abschluss, heute hat er zwölf Geschäfte, beschäftigt 31 Mitarbeiter und hält etwas am Laufen, das man vielleicht als Undercover-Kosmos bezeichnen könnte.

Das belgische A Magazine hat diesem Kosmos in einer zur Gänze Takahashi gewidmeten Ausgabe in diesem Sommer Tribut gezollt: grotesk ausgestopfte Puppen, surreale Zeichnungen und eine Hommage an den Trickfilmkünstler Jan Svankmajer. Der tschechische Künstler ist ein Seelenverwandter des Modedesigners, wie dieser liebt auch er surrealistische, groteske Situationen und die Animation unbelebter Dinge. Während `vankmajer diese mit der Stop-Motion-Technik vollbringt, ist es bei Takahashi das Handwerkszeug des Designers. "Am liebsten", sagt er, "würde ich alles mit der Hand machen".

Das merkt man der Mode von Undercover auch an. Jedes Detail ist mit einer Hingabe gearbeitet, wie man sie höchstens noch aus der Haute Couture kennt, die Schnitte kompromisslos und ungewöhnlich. Jede Saison taucht Takahashi in ein neues Universum des Unheimlichen ein, ganz anders schaut dieses jedes Mal aus, aber doch eindeutig aus seiner Hand. Wiederkehrend ist dabei das Spiel mit Kopfbedeckungen, ungestümen Frisuren und Verhüllungen jeglicher Art. Vor einigen Saisonen widmete er der Burka eine ganze Kollektion. Das größte Lob war damals wohl das Statement Rei Kawakubos: "Er ist der Einzige", meinte sie, "der noch Mut hat." (Stephan Hilpold/Der Standard/Rondo/01/12/2006)

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