Die Lokomotiven der Mode

9. März 2007, 15:12
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Sie heißen Alma, Muse, Ginger oder Marlene: Luxustaschen sind geheimnisvoll, und der Kult um sie manchmal unergründlich - In der Mode sind sie derzeit die heißeste Ware

Maggie Thatcher war berühmt für ihre. Grace Kelly bekam einst ein Extramodell. Veronica Ferres bekennt, sie könnte davon ohnehin nie genug bekommen: Handtaschen sind Mädchen, Handtaschen sind Träume, Handtaschen sind Persönlichkeit. So jedenfalls sagen das die Vertreter der Modemacher.

Die Welt der Handtaschen ist komplex und sehr geheimnisvoll - vor allem aber ist sie geheim. Die Mode und vor allem ihre Imperien wollen sich nicht so leicht entschlüsseln lassen. Es wohnt ihr schließlich ein gewisser Zauber inne. Will man sich dem Taschenkosmos nähern, erfährt man zuerst, dass genau das gar nicht so einfach geht. Die riesigen Unternehmen geben kaum Zahlen raus. Offiziell und zitierfähig sprechen darf ohnehin niemand, und wenn jemand dann doch etwas sagt, versteht man erst recht nichts mehr. Da ist von Shoppern die Rede, von Weekendern, von Icons und IT-Bags, von Alma, Muse, Ginger, Marlene, und wie die Modelle gerade heißen.

Shoes & Accessoires Stores

Dabei ist alles gar nicht so schwer: Wer die richtige Tasche trägt, kann eigentlich keine falschen Klamotten anhaben. Das luxuriöseste Outfit aber wird von der falsche Tasche zerstört. Es ist - zugegeben etwas pointiert - momentan das, was die Modeindustrie als Motto vorgibt. Bei Designern, Magazinen und Kritikern dreht sich alles um den Beutel mit ein oder zwei, manchmal drei Henkeln. So findet man bei Lafayette in Paris oder im Berliner Nobelkaufhaus KaDeWe einen Gucci-Laden ohne Klamotten - nur mit Taschen und anderen Accessoires. Betritt man die Geschäfte von Louis Vuitton, Dolce & Gabbana oder Chanel am Wiener Kohlmarkt werden einem zuerst einmal die vielen Taschen ins Auge stechen. Auch von Hugo Boss gibt es mittlerweile Läden, in denen Parfums und Schuhe verkauft werden - und eben "Bags". Die Metzinger Firma nennt das "Shoes & Accessoires Stores" und macht damit ordentlich Gewinn. Denn eine Tasche zu kaufen ist vergleichsweise einfach: Wem das Markenkostüm nicht passt, weil es an der Hüfte klemmt und die Hände in den Ärmeln verschwinden, dem bleibt immer noch, das derzeit begehrteste aller Accessoires unter den Arm zu klemmen. Das Logo prangt am Verschluss oder auf dem Leder. Und damit wäre so ziemlich alles gesagt.

Doch ganz so leicht ist es auch wieder nicht. Was vor Kurzem trendig war, kann plötzlich out sein - unmöglich also, sich damit noch auf die Straße zu wagen. Der schnelle Geschmackswechsel hilft den Firmen: Sie machen oft mehr als die Hälfte ihres Umsatzes mit Taschen. Bei der Firma Gucci sind es sogar bis zu 80 Prozent. Die Margen bei Accessoires sind schließlich höher als bei Kleidungsstücken, und bei einer Tasche bleibt es ohnehin nicht. In der Modefirma weiß man, wie viele Taschen eine Frau eigentlich besitzen sollte: drei Taschen für den Abend, vier bis fünf verschiedene Modelle für den Tag, eine Tasche zum Einkaufen - der so genannte Shopper - und eine für den Cocktailempfang. Ach, und die kleine schwarze, passend zum kleinen Schwarzen muss auch dabei sein.

Das kann teuer werden. So ein edles Stück kostet gerne einmal ein paar tausend Euro. So mancher neuer Klassiker ist da noch günstig: die Muse von Yves Saint Laurent zum Beispiel oder die Paddington-Bag von Chloé mit dem Schriftzug auf dem Schloss der Tasche. Letztere kostet je nach Ausführung beispielsweise 1300 Euro. Eine Sonderanfertigung von Gucci aber, die seitlich aus Pythonleder und ansonsten aus Krokoleder besteht, handgefertigt ist und nur fünfmal produziert wird, kann, so meint die Modewelt, schon einmal 30.000 Euro wert sein. Das erklärt einen Streit in einem Flugzeug: Eine Frau wollte auf gar keinen Fall ihre Tasche abgeben - und musste schließlich von der Polizei abgeführt werden.

Wartelisten bis zu einem halben Jahr

Wer tatsächlich so viel Geld für eine Tasche hinlegen möchte, bekommt trotzdem nicht unbedingt, was er will: Er muss erst einmal warten - bis zu einem halben Jahr. Die Liste ist lang, doch nicht alle sind geduldig, etliche Damen begnügen sich irgendwann mit einem anderen Produkt, meint einer, der auf keinen Fall zitiert werden darf. Es könnte ja sein, dass die Tasche schon wieder aus der Mode ist, wenn sie endlich kommt. Einfacher und billiger ist es, man leiht sich die Luxustasche. Die schlichte, puristische Prada, die mit dem berühmten Bambusgriff von Gucci oder die Kroko mit Kette von Versace gibt es für einen Abend oder auch eine Saison und wenig Geld im Verleih.

Taschenvermietung ist momentan ein lukratives Geschäft. Die Kunden: Frauen. Doch wer wie Vorzeigehausfrau Eva Herman meint, Handtaschen seien evolutionsbedingt Frauen vorbehalten, der irrt: Der Trend liegt eindeutig bei der Männerhandtasche. Könnte sein, dass diese Mode für Herren bewirkt, dass bald wieder kleine Formate für Damen in Mode kommen. Denn Männergeldbeutel und Riesenschlüsselbunde würden in ein eigenes Männermodell kommen und nicht mehr - wie bisher - in der "XXL It-Bag" der Frau landen.

Wem das alles zu komplex ist, dem sei gesagt: Die Kritiker amüsieren sich köstlich über die wohl wichtigste Modejournalistin der Welt, Anna Wintour: Die Chefredakteurin der US-Vogue geht angeblich ohne Tasche durchs Modeleben. Ihre französische Kollegin soll Taschen sogar hassen. Auch die Serienheldin Ally McBeal macht die ersten Schritte in ihr anwaltliches Leben mit Bravour, Halstuch und schwarzer Aktenmappe - statt mit Handtasche. (Christina Maria Berr/Der Standard/Rondo/01/12/2006)

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