Der Trojanische Herd

30. November 2006, 16:53
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Das Gute zuerst: Schmeckt nicht, gibt's nicht - So verheißt es uns jedenfalls ein fatal omnivor aussehender deutscher Jungkoch im TV

Das Gute zuerst: Schmeckt nicht, gibt's nicht. So verheißt es uns jedenfalls ein fatal omnivor aussehender deutscher Jungkoch im TV. No na. Natürlich gibt es heute nichts mehr, das geschmacklich aus der Reihe tanzte - wozu haben wir Industrie? Essen ist Fun für die ganze Familie und von etwas so Atavistischem wie Eigengeschmack längst nicht mehr tangiert. Wo kämen wir denn hin, wenn etwa Radieschen, Endivien, Knoblauch oder Quargeln nach etwas schmeckten?

Im Gegenteil: Heute kann man sich getrost vor rohem Fisch ekeln und trotzdem modern essen. Hauptsache Sushi bedeutet Reistrümmerln mit Streifen feuchten, roten Frottees darauf oder Creme-21-farbener Silikonläppchen. Auch dem Veganer kann gustiös geholfen werden: Da gibt es vielerlei drollige Backteilchen, die ihr wahres inneres Wesen, nämlich totes Tier, auch sensiblen Papillen vorenthalten.

Selbst wer z. B. dem bitteren Geschmack guten Kaffees abhold ist, kann zivilisiert werden. So wie Taferlklassler durchaus von den Meriten "100-prozentigen Beefs" zu überzeugen sind - in Tomatenbrei ertränkt und zwischen Milchbrotscheiben vergraben (das Beef, nicht das Kind), so können Kaffeemuffel per halben Liter heißer Zuckermilch (mit "Crème-brulée-Aroma!") angefixt werden, in dem ein kleiner koffeinfreier Espresso aufgelöst ist.

Ähnliches gilt derzeit auch für "Eistee". Wer meinte, dass die braune Lake mit Pfirsichshampoo-Geschmack kaum mit irgendeinem Konzept "Tee" in Einklang zu bringen wäre, darf die kleinen Plastikflaschen jetzt als "limited edition" in die Mikrowelle stellen und dann heißen Eistee lutschen.

Das Schlechte ist, dass heutzutage auch ehrlicher Fusel wie Inländer-Rum, Domspatz-Obstschnaps oder Bouchet- Weinbrand nicht mehr ohne trojanische Strategie daherkommt: Mit Wasser, na- turidentischen Aromen und Rübenzucker warm gemacht, kolonisieren sie unsere schöne, karge Winterwelt mit Weihnachtsstimmung. (Una Wiener/Der Standard/Rondo/01/12/2006)

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