"Hilflosigkeit gegenüber vermeintlich selbstbewussten Genen"

30. November 2006, 07:00
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Biologin Bettina Knothe erklärt, welche Zusammenhänge es zwischen Geschlecht und Wasser gibt - Interview

Die Biologin Bettina Knothe erklärt im dieStandard.at-Gespräch mit Gerlinde Pölsler, warum sie sowohl gegenüber der Soziobiologie als auch dem Konstruktivismus Unbehagen empfindet und welche Zusammenhänge es zwischen Geschlecht und Wasser gibt.


dieStandard.at: In den letzten Jahren haben (sozio)biologische Erklärungsmodelle für angebliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern – für ihre Fähigkeiten und Eigenschaften, für sexuelles Verhalten und Gewalt – wieder Auftrieb erfahren. Inwieweit sehen Sie als kritische Gender-Forscherin als auch Biologin solche Erklärungsmuster als berechtigt an?
Bettina Knothe: Ich sehe sie kritisch. Hier kommen sehr viele Stereotypisierungen vor: Die Natur sei opportunistisch, das Gen egoistisch, das "Überleben des Stärkeren". Wieso soll Natur opportunistisch sein? Wie kommen wir dazu? Das ist doch ein ganz altes Bild von Natur. Da werden Erkenntnisse etwa von Skorpionsfliegen auf menschliches Verhalten übertragen. Ein Höhepunkt war auch das Buch "The Natural History of Rape" (Das vom Biologen Randy Thornhill und dem Anthropologen Craig T. Palmer verfasste Buch postuliert, Männer hätten einen genetisch bedingten Hang zur Vergewaltigung, denn diese bedeutet ja Fortpflanzung, Anm. d. Red.). Diese Dinge entsprechen nicht einmal dem, was Darwin sagen wollte, sondern dem, was Ultradarwinisten aus seiner Lehre gemacht haben: sehr verkürzte Auslegungen von Natur und von hochdifferenzierten Verhaltensweisen.

dieStandard.at: Nun kommen aber die WissenschafterInnen, die diese Theorien vertreten, mit handfesten Fakten. Hormonkonzentrationen werden gemessen, Grafiken zeigen etwa, welche Hirnareale Frauen und Männer zum Lösen bestimmter Aufgaben jeweils aktivieren. Wie kann man dagegen überhaupt ankommen?
Bettina Knothe: Es ist dennoch einiges zu hinterfragen. Was zum Beispiel die Annahme "Wir sind nichts, unsere Gene alles" angeht: Diese Sichtweise setzt eine Reduktion der Evolutionstheorie voraus. Demnach verändern sich die Gene nicht, und sie sehen nur zu, dass sie möglichst in die nächste Generation kommen. Das impliziert ja beinah eine Hilflosigkeit gegenüber dem, was vermeintlich selbstbewusste Gene uns vorgeben. In der neueren Genforschung ist das ja bereits hinterfragt worden. Und was das "Weibliche" und "Männliche" an Körpern angeht, so wissen wir aus Forschungen zur Trans- und Intersexualität, dass es dabei sehr viele Zwischenstufen gibt. Wir sind hochdifferenzierte Wesen mit Mischanteilen von so genanntem Männlichen und Weiblichen. Und das ist das Thema von Gender-Trainings, in denen wir versuchen, stereotype Zuschreibungen aufzudecken.

dieStandard.at: SoziobiologInnen oder GenetikerInnen haben aber gerade den Anspruch, nicht mit Stereotypen zu arbeiten, sondern vielmehr Fakten aufzudecken. Kann man wirklich sagen, das alles existiere nicht, alles sei bloß Konstruktion?
Bettina Knothe: Nein, mit dieser Sichtweise gibt es ja auch sehr viel Unbehagen. Die Frage ist ja: Wo bleibt denn dabei der Körper, der ist ja nun mal da. Die Philosophin und Soziologin Andrea Maihofer meint, dass der Körper sehr wohl eine Form der Existenzweise ist, mit dem wir umgehen müssen. Geschlecht ist demnach eine komplexe Verbindung historisch entstandener Denk- und Gefühlweisen, Körperpraxen und -formen und sozialer Verhältnisse.

dieStandard.at: Gibt es also eine Vermittlung zwischen "Körper" und "Materie" einerseits und "(De-)Konstruktion" oder "Diskurs" andererseits? Und wie könnte das aussehen?
Bettina Knothe: Ja, in der Neurobiologie wird hier neuerdings ein sehr interessanter Übergang gemacht. Da geht es um die Frage, inwieweit sich emotionale und sinnliche Erfahrungen, Erfahrungen von Wohlbefinden oder Gewalt und von Beziehungen auch körperlich auswirken. Demnach hätte unsere Existenzweise einen bestimmten Grad von Determiniertheit – wir fangen mit dem an, was wir haben, unserem Körper –, aber über unsere Erfahrungen kommen wir in Lernprozesse. Und diese haben wiederum Auswirkungen auf physiologische Prozesse, auf die Entwicklung der Gehirnstruktur, die Aktivität von Genen oder Zellen.

dieStandard.at: Sie beschäftigen sich mit der Beziehung zwischen "Gender und Wasser". Als Ihr Seminar dazu auf diestandard angekündigt wurde, kamen viele Postings mit dem Tenor: So ein Blödsinn, was soll es denn da für einen Zusammenhang geben.
Bettina Knothe: Im entwicklungspolitischen Kontext wird das Thema seit vielen Jahren debattiert. Es gab viele Beispiele, wo mit westeuropäischer Technik Entwicklungshilfe betrieben wurde und wo das Know-how insbesondere an männliche Mitglieder der Gemeinschaft weitergegeben wurde. Und das, obwohl klar war, dass es hauptsächlich Frauen sind, die einen Großteil ihres Tages damit verbringen, Wasser für die Familie zu holen. Aber die wurden in die Informationsvermittlung und in Beratungsprozesse gar nicht eingebunden.

dieStandard.at: Frauen haben also weiterhin Wasser geschleppt – und die Männer?
Bettina Knothe: Sie hatten beispielsweise die Aufsicht über die Pumpen. Es gab Beispiele in Afrika, wo Pumpen kaputtgegangen sind, Frauen aber nicht gezeigt worden war, wie man die wieder herrichtet. Das lag in der Hand der Männer. In Lateinamerika wiederum gab es Bewässerungsprojekte in Krisengebieten. Auch dort wurden Männer in die Entscheidungsfindung darüber einbezogen, welche wasserwirtschaftliche Technik angewandt werden sollte – Frauen aber nicht. Dabei war die Bearbeitung des Ackerlandes deren Hauptaufgabe. Oft zielt Beratung auf diejenigen ab, die das Land besitzen, und nicht auf die, die es bewirtschaften und das alltagspraktische Wissen haben. Hilfe von außen erzeugt hier Rollenzuschreibungen.

dieStandard.at: Inwiefern spielt das Thema in Mitteleuropa eine Rolle?
Bettina Knothe: In den neuen Bundesländern zum Beispiel musste nach dem Fall der Mauer viel Infrastruktur für Wasserver- und -entsorgung neu aufgebaut werden. Dabei entstanden hauptsächlich große Systeme mit zentralen Kläranlagen und riesenlangen Kanalnetzen. Nun gibt es aber in der Region an der Elbe, in der ich gearbeitet habe, zwei bis drei Mal im Jahr Hochwasser. Und bei Hochwasser laufen zentrale Kläranlagen gar nicht mehr so gut, und die Rohrverlegung ist oft schlecht mit Überschwemmungsregionen zu vereinbaren. Kleinere Kläranlagen sind hier wesentlich besser geeignet. Warum ist es nicht möglich, die Technik an die Natur oder an ökologische Prozesse anzupassen? Warum muss immer noch die Umwelt an großtechnische Prozesse angepasst werden?

dieStandard.at: Viele würden nun sagen: Schön und gut – aber was hat das mit Geschlecht zu tun?
Bettina Knothe: Das hat es insofern, als wir damit bei einer Analysekategorie von Gender sind, nämlich bei Konnotationen von Technik. Wodurch zeichnet sich große Technik aus? Ist es bloß das ingenieurtechnisch Machbare? Immer noch werden teilweise tief in natürliche Prozesse eingreifende Großtechnologien mit einer angeblich absoluten Kontrolle bevorzugt. Und diese sind historisch sehr stark männlich konnotiert. Gleichzeitig schafft sie damit eine Dichotomie von "Versorger" und "Versorgtem". Warum ist es nicht möglich, Technologien zu verfolgen, die, ich möchte nicht sagen weiblich konnotiert sind, aber die unspektakulärer, dafür aber haushaltspraktischer sind? (Gerlinde Pölsler)

  • ZUR PERSON
Die Berliner Biologin Bettina Knothe ist Expertin für Wasserwirtschaft, Umweltbildung, Frauen- und Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften sowie Regionalentwicklung. Sie ist Mitbegründerin der Bildungs-, Forschungs- und Beratungseinrichtung genderWerk und veranstaltet Seminare zur politischen Erwachsenenbildung und zur Gender-Sensibilisierung. Dieses Wochenende ist sie zu Besuch in Graz und hält das zweitägige Seminar "Gender in Naturwissenschaft und Technik".
    foto: privat
    ZUR PERSON
    Die Berliner Biologin Bettina Knothe ist Expertin für Wasserwirtschaft, Umweltbildung, Frauen- und Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften sowie Regionalentwicklung. Sie ist Mitbegründerin der Bildungs-, Forschungs- und Beratungseinrichtung genderWerk und veranstaltet Seminare zur politischen Erwachsenenbildung und zur Gender-Sensibilisierung. Dieses Wochenende ist sie zu Besuch in Graz und hält das zweitägige Seminar "Gender in Naturwissenschaft und Technik".
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