"Nicht mit den Wölfen mitheulen"

12. Februar 2007, 12:03
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Für Korruption zahlen die, die nicht beteiligt sind, sagt Peter von Blomberg von Trans­pa­rency International und fordert im STANDARD-Interview ein "Kartell der Integrität"

STANDARD: Ermittlungen gegen Siemens, Infineon, Ikea, Volkswagen – wird Deutschland immer korrupter?

Blomberg: Nein, die Korruption wird nicht mehr, weltweit wird auch nur ein Bruchteil aufgedeckt. Aber die Sensibilität hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, der Druck der öffentlichen Meinung hat sich verstärkt.

STANDARD: Wo gibt es die meiste Korruption?

Blomberg: Baubranche, Handel und Dienstleistung – das zeigt der "Bundeslagebericht Korruption"des Bundeskriminalamtes. Aber grundsätzlich gibt es keine Branche, die davon verschont ist.

STANDARD: Korruption sei eine Tat, die ja ohnehin keine Opfer fordere, argumentieren viele.

Blomberg: Das ist der reine Schwachsinn. Korruption wird immer bezahlt, meist von Leuten, die nicht beteiligt sind: von Steuerzahlern, Aktionären, Mitarbeitern. Denn das Geld, das ein Unternehmen zur Bestechung aufbringt, wandert in private Taschen. Es glaubt doch niemand im Ernst, dass Siemens oder ein anderes Unternehmen sich das nicht refinanziert. Dann werden eben Produkte überteuert, man spart beim Material oder Personal. Es gibt heute in Wirtschaft und Wissenschaft keinen ernst zu nehmenden Vertreter mehr, der sagt: Korruption ist Schmiermittel, das der Wettbewerb braucht, und volkswirtschaftlich unschädlich.

STANDARD: Viele argumentieren auch, es gehe gar nicht anders, um an Aufträge zu kommen.

Blomberg: Das ist oberflächlich und unverantwortlich. Wenn ein Global Player wie Siemens keine andere Antwort darauf hat, als mit den Wölfen mitzuheulen, ist das nicht hinnehmbar. Siemens ist eine erste Adresse, die Verantwortung dafür hat, dass die Märkte in Ordnung kommen.

STANDARD: Einer alleine kann aber kaum etwas ausrichten.

Blomberg: Nein, daher brauchen wir international ein Kartell der Integrität. Große Firmen, die ja alle über Korruption stöhnen, müssen sich zusammentun und verabreden, sich nicht auf Bestechung einzulassen. Das wäre nicht ohne Wirkung, denn was Siemens und seine Konkurrenten an Infrastruktur anbieten, wird ja weltweit gebraucht.

STANDARD: Hat die Bestechungsaffäre bei Siemens eine besondere Dimension?

Blomberg: Wenn sich herausstellt, dass der Vorstand involviert war, dann ist das schon etwas anderes, als wenn Mitarbeiter der unteren Ebenen auf eigene Faust handeln.

STANDARD: Was können Firmen gegen Korruption tun?

Blomberg: Der erste Schritt ist ein klares Bekenntnis das Vorstandes: null Toleranz bei Korruption. Wenn das nicht vorliegt, kann man alles andere vergessen. Danach muss man Geschäftsprozesse abklopfen – gibt es das Vier-Augen-Prinzip, sind an komplexen Entscheidungen viele beteiligt oder nur einer? Wichtig ist neben einer Kontrolle der Revision auch regelmäßige Jobrotation, etwa beim Einkauf. Denn da bilden sich im Laufe der Zeit oft Netzwerke. (Birgit Baumann, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.11.2006)

  • Zur Person
Peter von Blomberg (70), Jurist und Ex-Allianz-Vorstandsmitglied, ist Vizevorsitzender der Antikorruptionsorganisation Transparency International/Deutschland
    foto: standard

    Zur Person
    Peter von Blomberg (70), Jurist und Ex-Allianz-Vorstandsmitglied, ist Vizevorsitzender der Antikorruptionsorganisation Transparency International/Deutschland

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