12. Februar 2007, 10:34
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Wien – Mit einem Traktor um die Welt zu fahren war nicht das Ziel, aber eines der Vorbilder von Thomas Gamsjaeger (26) und Heinz Holzmann (34) bei ihrer ungewöhnlichen Architektur-Diplomarbeit. Das Konzept von „spacem – build up on the road“ war Raum zu schaffen, zu erweitern und zu beleben. Es sollte weder eine touristische Erkundung, noch theoretische Selbstverwirklichung werden. „Wir wollten am Ende unseres Studiums etwas machen, das man wirklich umsetzen kann“, lässt Gamsjaeger verstehen. Das, jedoch nicht anhand theoretischer Rezepte, sondern spontan mit den Gegebenheiten und Menschen vor Ort. Ein Projekt, das Theaterperformance und Architektur integrierte. Die zwei Studenten kauften und adaptierten einen Lkw für ihre Zwecke: Eine Reise durch 14 Länder – von Estland bis in die Türkei quer durch den Osten Europas –, bei der Gamsjaeger und Holzmann „nichts außer den leeren Raum“ transportierten. Die Werkzeuge und 60 Postkarten waren mit Barcodes dokumentiert worden und auch sonst wurde jede Minute sorgfältig festgehalten. Eine Digitalkamera schoss jede Minute aus dem Führerhaus ein Foto. Auch ihre Aktionen wurden als Podcasts laufend veröffentlicht. Menschen wurden – unabhängig von ihrem Willen – zu Akteuren, die Verwirrung im sozialen Raum schufen. So etwa beim Hochziehen einer Grenzlinie mit Absperrband auf der Fähre über den Bosporus, „der einzigen kontinentalen Grenze Europas. Und die liegt mitten in einem Land“, beschreibt Gamsjaeger. Ein Mann habe sich spontan an der Grenzziehung beteiligt, als langjähriger Exilant verstand er die Idee prompt.

Brisante Konstruktion

Diese Begegnungen schufen Räume – eine Grundaussage der Architektur, wie beide meinen. Doch manche neu geschaffenen Sozial-Konstellationen waren höchst brisant. Eine der Aktionen in Rumänien fand im modernen Museum, im ehemaligen Palast des Diktators Ceausescu statt. „Es ist ein Riesengebäude vor dem du in die Knie gehst“, beschreibt Holzmann. Ein mit Klebeband – mit der Aufschrift „spacem“ – mumifizierter Freiwilliger, wurde im zum Käfig reduzierten Lkw vor das Museum geführt. Die Architekten zerrten ihr „Opfer“ in einen noch ursprünglich belassenen Raum und klebten die Mumie am Boden fest. „Als zufällig Militärs aus dem Raum gekommen sind“, beschreiben Gamsjaeger und Holzmann „haben alle einfach nur geschaut“. Der normalerweise nur nach einer Leibesvisitation mögliche Zugang ins damalige Zentrum des Regimes gelang durch intuitiven Aktionismus. Die dreimonatige Fahrt festigte eine Position, die im angehenden neuen Projekt der beiden zu spüren ist: „spacem – against architecture“.

(Louise Beltzung,Georg Horvath/DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2006)

  • Artikelbild
    foto: spacem
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