Die Verlierer

17. Juni 2006, 16:04
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Wien, Gaststätte "Zum Sieg". Nahe Zukunft. An einem der Tische die Politiker der Österreichischen Volkspartei Schüssel und Khol, Weingläser vor sich ...

... In der Mitte des Tisches ein mächtiger Krug Rotwein. Beide trinken, schenken nach, ununterbrochen, so als tränken sie, um zu vergessen, und es gelänge ihnen nicht. Mehrere Minuten, dann...

SCHÜSSEL: So nahe dran . . . KHOL: So nahe, ja. So nahe dran. SCHÜSSEL: Ein Lebenswerk. Mein Lebenswerk. Und nun . . . KHOL: Verpufft, vertan, vergeben. Ein Lebenswerk. Auch meins. SCHÜSSEL: So nahe dran! Und so viel aufgegeben, nur damit - KHOL: So viel paktiert, so viel gebogen! (Pause. Sie trinken, schenken nach.) SCHÜSSEL (träumerisch): Ich habe mich schon hängen sehn in unserem Parlamentsclub, Dollfuß gegenüber: "Wolfgang Schüssel, Vernichter der Sozialdemokratie in Österreich". KHOL (ebenso): "Andreas Khol, die schwarze Faust in rote Gfrießer". SCHÜSSEL (bitter): Und jetzt? Wer hängt dort? Elsner! KHOL (ebenso): Flöttl junior! Verzetnitsch! Es ist nicht gerecht. SCHÜSSEL (noch bitterer): Gerecht! Gerechtigkeit! Mach dich nicht lächerlich! Sie war'n uns überlegen! KHOL: Überlegen? Die? Niemals! (Mit Donnerstimme:) Gott hat es so gewollt! SCHÜSSEL: Gott? Bist du sicher? KHOL (fest): Gott hat es so gewollt! SCHÜSSEL: Mag sein, ja . . . Gott . . . Auch er . . . Auch er eine richtige - KHOL: Still! Man kann nie wissen. (Sie trinken, schenken nach, trinken, schenken nach. Vorhang) (Antonio Fian/ DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 6.2006)

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