Ein übertypischer Österreicher

5. Jänner 2007, 11:07
18 Postings

Der Historikerbericht holt einen auf die Bühne, der die Wirtschaft von 1921 bis 1959 massiv geprägt hatte: CA-Chef Josef Joham, der drei Regimen diente - und ab 1943 Spion war.

Details über das Leben des Mannes, der drei Jahrzehnte lang gleichsam das Gesicht der Creditanstalt-Bankverein (CA) war, in dem sich Zeitläufte und politische Gesinnungen seiner Ära widerspiegelten, "überraschten" sogar den Zeithistoriker Oliver Rathkolb. "CA-Chef Josef Joham war ein übertypischer Österreicher. Er hat alle Charakteristika der Ersten Republik, des NS-Regimes und der Zweiten Republik in sich vereint", fasst er das zusammen.

Das "Übertypische": Ab Herbst 1943 spionierte der Sohn eines Kärntner Finanzbeamten, der schon im Ständestaat Spitzenkarriere gemacht hatte, für den US-Geheimdienst. Seine ersten Sporen hatte sich Joham in den Zwanzigern bei der Bank für Tirol und Vorarlberg verdient. 1931, mitten in der tiefsten Krise der CA (Verlust: eine Milliarde Schilling oder 50 Prozent des Staatshaushaltes) wurde er in den CA-Vorstand gehievt. Es folgten Verschmelzung mit dem Bankverein, harte Sanierung. 1938, im Jahr des "Anschlusses" an Hitler-Deutschland, war die CA-BV eine "respekteinflößende Großbank mit wichtiger Rolle in der Industrie" (Gerald Feldman).

Gut vernetzt

Die neuen Machthaber wollten den Vorzeigemanager des Ständestaates kippen, doch Joham war zu gut vernetzt dafür, wurde bloß zum "einfachen" Vorstandsmitglied degradiert. Den Chef der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, hatte er per Lebenslauf schon früh wissen lassen, "trotz Widerständen und Drohungen seitens der jüdischen Kunden ... schrittweise die Arisierung des Personals" durchgeführt zu haben. Fortan agierte er "Hand in Hand mit Abs" (Friedman), mit dem er schon einen "Freundschaftspakt" schloss, bevor die Deutsche Bank die Kontrolle über die CA-BV hatte. "Abs erkannte Joham als biegsamen, aber unglaublich professionellen Manager und Netzwerker, den er in Wien brauchte", wie Rathkolb erklärt. Unter Joham beteiligte sich die CA laut Feldman "ziemlich aktiv an Arisierungen", betrieb ihre Expansion ins Ausland. In Südosteuropa und Polen wurde Joham "generell ermutigt, gleichsam als Sturmspitze agierend ihre und die Interessen der Deutschen Bank und des Reichs zu verfolgen".

1943 freilich hatte der Banker mit dem "unglaublichen Riecher für Trendänderungen" (Rathkolb) erkannt, dass der Krieg verloren war, und spielte ab da ein doppeltes Spiel. Unter dem Decknamen "680" lieferte er dem US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) hochgeheime Informationen über Truppenbewegungen, Rüstungsbetriebe, Luftangriffe. Rathkolbs Interpretation: "Mit seiner Spionagetätigkeit hat Joham begonnen, seine Nachkriegskarriere abzusichern, aber damit auch sein Leben riskiert. Das haben damals nicht viele getan."

Sanfte Landung

Auch 1945 landete Joham sanft, auch das neue Regime akzeptierte ihn. Zwar geriet er in Verdacht, Marshallplan-Gelder missbräuchlich verwendet zu haben, doch auch den ersten Untersuchungsausschuss der Zweiten Republik überstand er locker. Rathkolb: "Er hatte so exzellente Kontakte, dass ihn niemand loswerden konnte." Die Ambivalenzen seiner Karriere sind deutlich: Joham setzte die Restitution der CA-Industriebeteiligungen durch und kämpfte gleichzeitig gegen die Forderungen jener, die "mit so viel Hilfe seitens der CA ausgeraubt worden waren" (Friedman). Joham starb 1959. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.11.2006)

  • In der CA - im Bild der Kassensall - spiegelt sich die Geschichte.
    foto: ba-ca, vga/lessing

    In der CA - im Bild der Kassensall - spiegelt sich die Geschichte.

  • Josef Joham, Generaldirektor der Creditanstalt, Datierung: um 1948
    foto: lessing / associated press

    Josef Joham, Generaldirektor der Creditanstalt, Datierung: um 1948

Share if you care.